Buchempfehlung: Die Briefe und Buchbesprechungen von Hermann Hesse

»So freue ich mich auf die Lektüre sehr … «
Hermann Hesse schreibt an und über Hans Fallada

von Mathias Iven

Jüngste Schätzungen besagen, dass Hermann Hesse bis zu 40.000 Briefe in seinem Leben geschrieben haben soll. Einer der besten Kenner dieser Hinterlassenschaft ist Volker Michels. Im Rahmen der von ihm herausgegebenen, auf zehn Bände angelegten Edition der Gesammelten Briefe erschien unlängst der mittlerweile vierte Band, der Schreiben aus den Jahren 1924 bis 1932 versammelt.

Für Hesse, der seit 1919 im Schweizerischen Montagnola lebte, waren es Jahre des »Werdens und der Wandlungen« – vor allem im privaten Bereich. 1923 trennte er sich von seiner Frau Mia, schon im Jahr darauf heiratete er in zweiter Ehe die Sängerin und Malerin Ruth Wenger. Nur drei Jahre sollte diese Verbindung halten. In einem kurz nach Erhalt der Scheidungsklage im März 1927 geschriebenen Brief war zu lesen: „Der Beweis, daß man mit einem Menschen wie mir unmöglich leben könne, und daß ich durch und durch minderwertig und lebensunfähig sei, wurde der Frau [Ruth Wenger] nicht schwer – ihre Klageschrift besteht zum weitaus größten Teil aus Stellen meiner eigenen Schriften, dem Kurgast, der Nürnberger Reise etc.“ – Ein drittes Mal trat Hesse 1931 vor den Traualtar: Ninon Dolbin sollte bis zu Hesses Tod im Jahre 1962 an dessen Seite bleiben.

Und wie sah es im Beruflichen aus? 1927 – Hesse feierte in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag – erschien »Der Steppenwolf«, drei Jahre darauf legte er »Narziß und Goldmund« vor, 1932 folgte »Die Morgenlandfahrt«. Daneben entstanden Erzählungen, Dutzende von Rezensionen und Feuilletons, deren inhaltliche Ausrichtung aber offenbar nicht jedem Redakteur passte. Der Kunst- und Literaturkritiker Detmar Heinrich Sarnetzki, seit 1913 Feuilletonchef der »Kölnischen Zeitung«, war einer von ihnen. Anlässlich der Rücksendung eines seiner Beiträge erklärte ihm Hesse unumwunden: »Daß ich, dem Publikum zuliebe, optimistischer schreiben soll als ich denke, ist eine Zumutung, die Sie wohl nicht ernst meinen.«

Insgesamt hat Michels 450 Schriftstücke für diesen Band ausgewählt, was ungefähr einem Zehntel der gesamten Korrespondenz in diesem Zeitraum entspricht. Zu den rund 200 Empfängern zählen neben Ruth Wenger und Ninon Dolbin unter anderem der Zürcher Bildhauer Hermann Hubacher und die Malerin Anny Bodmer oder auch die Schriftstellerkollegen Heinrich Wiegand, Hugo Ball, Alfred Kubin, Stefan Zweig, Thomas Mann – und Hans Fallada.

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»Bauern, Bonzen und Bomben« war der erste Roman Hans Falladas, den Hermann Hesse rezensierte. In seiner kurz nach dem Erscheinen im Spätsommer 1931 veröffentlichten Besprechung hob er besonders Falladas »ausgezeichnete Wirklichkeitsschilderung« hervor. Atme diese doch, »ihrer scheinbaren Kaltschnäuzigkeit zum Trotz, echte Liebe und echtes Menschentum«.

Nur Wochen später, im Oktober 1931, begann Fallada mit der Arbeit an einem neuen Roman. Bereits im Februar 1932 schickte er das umfangreiche Manuskript von »Kleiner Mann, was nun?« an den Rowohlt Verlag – das Buch sollte ein Welterfolg werden. Wenige Tage nachdem der für den Druck von seinem Lektor gekürzte Roman an die Buchhandlungen ausgeliefert wurde (erst 2016 erschien die Originalfassung), hielt auch Hermann Hesse ein Exemplar in den Händen. In seinem Dankschreiben vom Juni 1932 betonte er zunächst, welch lebhafte Erinnerung »Bauern, Bonzen und Bomben« bei ihm hinterlassen hatte, und fuhr dann fort: »So freue ich mich auf die Lektüre sehr, obwohl jede Lektüre für mich als Augenkranken auch eine Last ist. Ich freue mich auf die neue Begegnung mit Ihrer Art zu sehen und zu schreiben, und freue mich auch auf die neue Begegnung mit Jugend und Aktualität.« Zugleich kündigte er an, dass er »kurz darüber schreiben« werde. Und er hielt Wort. In der Basler »National-Zeitung« vom 17. Juli 1932 lobte Hesse die »Wahrhaftigkeit in der Darstellung des Milieus und der Zeit […] ohne Trübung des Blickes für das Ganze«, die »das Buch zur Dichtung, nicht nur zum Zeitdokument« mache. Zwei Monate darauf konnte man im »Bücherwurm« lesen: »Not und Glück des kleinen Mannes sind mit einer großen Sicherheit und Kraft erzählt, mit einer Fülle und Anschaulichkeit im einzelnen, die es mir sehr lieb gemacht haben.« Schließlich fand sich »Kleiner Mann, was nun?« neben Titeln von Walter Bauer und Joachim Maass in einer von Hesse im »Tagebuch« veröffentlichten Zusammenstellung der besten Romane des Jahres 1932.

Auch in den Folgejahren machte Hesse wiederholt auf Falladas Bücher aufmerksam. So schrieb er im April 1934 über den Autor von »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt«, dieser sei »als sachlicher, genauer Schilderer des Alltags in dieser Unterwelt […] ein nicht nur liebenswerter, sondern auch ein wichtiger, ein notwendiger Schriftsteller«. Eher kritisch äußerte sich Hesse ein letztes Mal im November 1934. Beim Lesen von »Wir hatten mal ein Kind« hatte er »Widerstände und Ermüdung« empfunden, die vor allem auf »die oberflächliche und opportunistische Art der Geschichtsbetrachtung« zurückzuführen seien. Falladas Bücher, so urteilte Hesse mit Blick auf die durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte gesellschaftliche Situation, »gehen doch an den großen Problemen des Heute vorbei, nehmen nicht Stellung, halten nicht Gericht, bekennen nicht, stellen nicht Maßstäbe und Vorbilder auf«. – – –

Nachsatz: Erst in den letzten Jahren wurde der Autor Hans Fallada – vor allem durch die Veröffentlichung von »Jeder stirbt für sich allein« – weltweit wiederentdeckt. Weiterführend sei deshalb auf die zwei, aus Anlass von Falladas 70. Todestag soeben erschienenen Biographien von Peter Walther (Aufbau Verlag) und André Uzulis (Steffen Verlag) hingewiesen, die ein auf neuesten Archivfunden basierendes, differenziertes Bild der vielschichtigen und oft rätselhaften Persönlichkeit von Rudolf Ditzen alias Hans Fallada zeichnen.

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Hermann Hesse: »Ich bin ein Mensch des Werdens und der Wandlungen«. Die Briefe, Band 4: 1924 bis 1932 (hrsg. von Volker Michels). Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 752 Seiten, 48,00 €

Hermann Hesse: Die Welt im Buch IV: Rezensionen und Aufsätze aus den Jahren 1926–1934. Sämtliche Werke, Band 19 (hrsg. von Volker Michels). Suhrkamp Verlag, Berlin 2003, 770 Seiten, 49,90 €

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