Buchempfehlung: Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

„Dies ist ein Buch, dem jeder sich selbst hinzufügt“

von Felix Palent

Leuchtende Worte – Kaskaden des Glanzes. Dieses Buch ist wie die Sommersonne am wolkenlosen Himmel. Blendend, eine Behauptung, gleichermaßen beeindruckend in seiner Kraft und seiner Gleichförmigkeit.

Im neuen Roman von Zsuzsa Bánk geschieht so wenig, was das Wort Handlung rechtfertigen würde. Er ist zu Beginn genauso wie in der Mitte und am Ende. Gewissermaßen liegt das bereits in der Struktur des Buches begründet: Hier schreiben sich zwei sehr gute Freundinnen E-Mails, nicht nur sporadisch zum Informationsaustausch, sondern alle paar Tage. Sie halten nicht nur Kontakt, sondern diese beiden pflegen eine Freundschaft. Die Schriftstellerin Márta lebt in Frankfurt am Main mit drei Kindern und einem abwesenden Chaosmann, sie versucht beständig ihr „Lebensachteck aus Supermarkt, Fußballplatz, Kinderarzt, Schülerladen, Kita, Schule, Gemüsehändler und einer Nische Schreibtisch“ auszutarieren. Johanna hingegen hat sich vom Lebenstumult in den Schwarzwald zurückgezogen. Sie lebt allein – oder, um es mit Zsuzsa Bánk zu sagen: „Sie besetzt ihr Leben immer nur mit sich“. Neben ihrem Lehreralltag schwimmt sie im „Drostewortmeer“, schreibt eine Dissertation über Annette von Droste-Hülshoff, hilft im „Geheimen Garten“, dem Blumenladen ihrer Freundin Kathrin.

Zsuzsa Bánk schreibt also einen Roman der so scheint als sei er eine Dokumentation. Die Aufzeichnungen von Márta und Johanna, ein Brief- und E-Mail-Wechsel, insgesamt 393 Dokumente, herausgegeben von Zsuzsa Bánk. Und obwohl selbstverständlich in den Leben der beiden Frauen viel geschieht, so geht es in diesem Roman nicht vordergründig um außerordentliche Ereignisse. Die Handlung des Buches ist grundiert vom Alltag der beiden Freundinnen: von Besuchen, Urlauben, Kinderkrankheiten, Inspirationskrisen, Bekenntnissen, Verletzungen, den alten Fragen und Dummheiten, Ratschlägen und keinen Antworten. Immer wieder „Alltag, Alltag, Alltag, dreimal hintereinander Alltag.“ Und dieser ist durchsetzt mit den Versuchen ihm etwas Besonderes abzuringen. Wer liest, um eben jenem Alltäglichen zu entfliehen, für den kann die Gleichmütigkeit dieses Buches zur Wüste werden. Man kann diesen Briefwechsel aber auch als Affirmation lesen, sich Fragen herauspicken und mitnehmen: Wie lebt es sich in den sogenannten mittleren Jahren? Was fangen wir noch an mit diesem Leben? Welche Wege wollen noch gegangen werden?

„Schlafen werden wir später“ ist ein idealer Begleiter durch den hektischen, überanstrengenden, sich in Kleinigkeiten verlierenden Alltag. Es ist sowohl eine Bestätigung wie auch eine Aufforderung: Ja, das Leben ist „zeitfresserisch, stundengefräßig“, ein stetiger Tumult, die Kinder das „tägliche Nervengift“ – und doch lohnt es nicht inspirationslos zu leben, ohne Schreiben, ohne Lesen. Zsuzsa Bánk hat die Briefe durchsetzt von Autorenzitaten, von gefundenen Worten und Zeilen. Márta und Johanna leben beide Literatur, sie stecken fest in Sätzen, sehen Worte, tragen sie in sich. Die große Intimität, die das Grundrauschen dieses Buches ist, liegt nicht nur in der Vertrautheit der beiden Freundinnen, sondern auch in ihrer Vertrautheit mit Sprache. In der Sprache ein Zuhause finden, „Buchstabenschluchten“ ausloten, „das Knistern in den Lebensfäden“ aufspüren, „Wörter nach ihren sausend abrollenden Sprachfäden“ jagen, „Blut aus Buchstaben und Tinte“. Die beiden schreiben sich sicherlich nicht nur um sich auszutauschen, um einander nah zu sein, sondern auch um überhaupt zu schreiben, um das eigene Leben festzuhalten.

Chapeau, Zsuzsa Bánk, so etwas muss man sich erst einmal trauen! In solch verplapperten Zeiten einen so gleichmütig konzentrierten Brief-Roman zu wagen. In Zeiten ungeduldiger Eventkultur eben kein verspieltes Literaturfeuerwerk mit Knalleffekten und Lichtblitzen abzufeuern. Stattdessen der Ruhe und Souveränität zu vertrauen. Das ist faszinierend einfach! So klar, so deutlich! Man kann dieses Buch wunderbar verinnerlichen, es obsessiv lieben, sich die Lebenshaltung der beiden Frauen zu eigen machen, die Wortschöpfungen umarmen, es wie einen Suchtstoff vereinnahmen. Schließen Sie die Augen und wenden Sie den Blick in diese grelle Sonne von Buch!

Zsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“, S. Fischer Verlag, 688 Seiten, 24€.

Zsuzsa Bánk liest am 8.3.2017 im Waschhaus Potsdam. Karten sind im Literaturladen erhältlich.

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