Buchempfehlung: Lukas Bärfuss „Hagard“

NO RISK, NO FUN

von Felix Palent

Nehmen wir als Ausgangspunkt die Abbildung auf dem Schutzumschlag: Sie zeigt eine Menschenmenge auf einer Treppenanlage in einem Transitbereich. Viele haben eine Tasche bei sich – haben also einen Weg -, Alle bewegen sich in dieselbe Richtung, dem Lichtschein am oberen Ende der Treppenanlage entgegen. Zwei Menschen ragen aus der in gedeckten Farben gekleideten Menge heraus, sie tragen rot. Wenn man nun den Blick auf diese Menge richtet und den eigenen Großstadt-Wahrnehmungs-Modus überlistet, ja, ist es dann nicht so, dass jeder Mensch aus dieser Menge mit seinem individuellen Leben das eigene in Zweifel setzt? Oder zumindest die Einzigartigkeit eines jeden Lebens betont? Und damit darauf hinweist, dass dein Leben, wie du es gerade lebst, eben auch ganz anders hätte verlaufen können?

Mit einem solchen entrückten Blick schaut auch Philip, eine der Hauptfiguren in „Hagard“, auf eine Menschenmenge.
„Und in einem Pulk, den die Drehtür aus dem Warenhaus schaufelte, sah er auch ein Paar pflaumenblaue Ballerinas, zwei scheue Wiesel, verloren im Getrampel, in einer Stampede aus Halbschuhen und schweren Stiefeln. Mehr sah er nicht, die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, blieb unsichtbar. Philip drehte seinen Kopf, um mehr von ihr zu erkennen. Für einen Augenblick erschien die Gestalt, klein, zierlich, verletzlich. (…) Und als sie sich aus dem Pulk gelöst hatte, meinte Philip eine Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes zu erkennen, eine Bewegung, die ihn lockte, aufforderte, ihr zu folgen, was nichts als eine Illusion sein konnte, denn bestimmt hatte sie ihn nicht bemerkt. Doch für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen. So löste er sich von seiner Säule und folgte der jungen Frau hinein in das Gewühl.“

Die Handlung des Romans ist damit bereits hinlänglich umrissen. Es ist die Geschichte eines Starken Augenblicks, in dem Philip einer impulsiven Gemütsregung nachgibt. Ihn überkommt eine augenblickliche Besessenheit. Je mehr sich seine Spontanität zur panischen Obsession auswächst, desto ungläubiger und aber auch faszinierter verfolgt man lesend diesen Philip. Die Anziehungskraft liegt weniger in Philip selbst, er ist ein wohlsituierter Liegenschaftshändler mit einer Sekretärin, einem Kind und einer Affaire. Vielmehr reizt die konsequente Durchführung seiner irrationalen Tat, das Ausbruchsmoment aus seinem ordnungsgemäßen Leben.

Bärfuss schildert das in einer still zurückhaltenden, aber prägnanten Art. Seine Sprache ist subtil und wachsam für Eindrücke und Ansichten von Philips Verfolgungsreise quer durch die Stadt:
„Eine Straße ohne Verkehr, dahinter in einer bulligen Bude eine Kneipe, gut getarnt hinter getönten Scheiben.“

„Die Lampen fleckig von zerdrückten Mücken. Spiegelfronten reflektieren Gestalten, die über die Mondlandschaft des Asphalts in Richtung Bahnhof gehen, wo sie in die Neonkälte der Unterführung tauchen und sich in drei Stränge teilen – rechts, links und geradeaus zu den hinteren Treppen. Die Menschen scheinen ihn nicht zu bemerken, den Mann der unter ihnen ist und nicht zu ihnen gehört, der durch sie hinwegkeucht und einen gewissen Nacken nicht aus den Augen lässt, einen Nacken, der aus der Menge leuchtet, nackt zwischen den eingepackten Wollhälsen der Angestellten. Um ihren Hals, das sieht er jetzt, leuchtet eine Kette, haardünn, mit einem Verschluss, nicht größer als ein Reiskorn.“

Beim Lesen von „Hagard“ fühlte ich mich an andere Autoren erinnert. In diesen Erinnerungen, die den Roman vielleicht indirekt charakterisieren, wird eine eigenartige Vielseitigkeit im Stil von Lukas Bärfuss offenbar. So dachte ich beim Lesen an die grotesk witzigen Liebesromane von Jean-Philippe Toussaint, an Filme von Aki Kaurismäki oder auch an Peter Handkes stummes Theaterstück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Denn auch in „Hagard“ wird so heilsam wenig gesprochen. Trotzdem wirft Lukas Bärfuss einen scharfen, meinungsstarken Blick auf die Menschen in der Menge:

„Der Morgen ist frisch, aus dem Tag könnte etwas werden. Das denken sich auch zwei geschniegelte Fischer aus Salt Lake City, die vor dem Fenster auf dem Gehsteig Maulaffen feilhalten, die schwarzen Namensschilder auf dem Aufschlag. Fabelhafte Exemplare. In Ewigkeit gut gelaunt. Zwei Aspiranten im Konfirmandenanzug, aber worauf sie es abgesehen haben, ist nicht auszumachen. Er fragt sich, wer auf diese Seelenfänger reinfällt. Wer kann so am Ende sein? Nicht an einem gewöhnlichen Mittwochmorgen in diesem Teil der Stadt. Sie sollten in die Altersheime. Ein paar Omas trösten. Dort findet sich Einsamkeit, in der alleine das Gottvertrauen wächst. Dort gibt es Tränen für ihre gebügelten Taschentücher. Und für die Jungs eine Tasse Tee und ein Butterbrot, zwei Schwiegersöhne mit einer Fahrkarte ins Gnadentum.“

Worum es in „Hagard“ letztlich geht, muss jeder Leser selbst herausbekommen. Es ist kein Roman der Antworten. Eher einer, der Fragen über das gegenwärtige Leben aufwirft. Und so ist auch die Handlung im besten Sinne fragwürdig: Überwindet hier jemand die bürgerliche Wirklichkeit und setzt alles dem Augenblick aus? Oder ist dieser Roman doch einfach nur eine unkonventionelle Liebesgeschichte („Dies war die einfachste, schlichteste Liebe, hier war das Verbrennen, die Vernichtung des eigenen Willens im Schmelztiegel der Begierde, die Hingabe an einen anderen Menschen.“)?

Lesen Sie dieses rätselhafte Buch. Setzen Sie sich diesem aufregend disparaten Abenteuer aus und riskieren Sie damit ihren abgeklärten Großstadtblick. Es ist ein Vergnügen!

Lukas Bärfuss: Hagard, 173 Seiten, Wallstein Verlag, 19,90€.

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