Buchempfehlung: Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

Ferrante macht eben süchtig

von Carsten Wist

Viel spannender als die vermeintliche Aufdeckung, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verberge, ist doch die Frage, ob die literarische Qualität, die die Autorin im ersten Buch „Meine geniale Freundin“ vorgelegt hat, auch im 2. Teil gehalten werden kann. Eindeutige Antwort: Ja!, denn „Die Geschichte eines neuen Namens“, so heißt der zweite Band, knüpft nahtlos an die Vorzüge des ersten Romans an. Als da sind: die realistische Darstellungsweise in einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit, der tiefenpsychologische Blick auf die Figuren, ihre Bewegungs- und Handlungsgründe und das farbenfrohe Zeichnen eines vielschichtigen neapolitanischen Gesellschaftspanoramas der 50er und 60er Jahre mit einem großen Figurenensemble. Und das alles auch noch mit einem Höchtsgrad an Unterhaltsamkeit.

„Die Geschichte eines neuen Namens“ beginnt mit dem umfangreichen Register der handelnden Personen. Gleichzeitig wird kurz zusammengefasst, was denn bisher in dieser ambivalenten Freundinnengeschichte geschah. Und ganz geschmeidig gekonnt, setzt Ferrante bei jener Hochzeitsfeier ein, mit der der 1. Band endete. Lila, eigentlich Raffaella Cerullo, die Tochter des Schuhmachers, heiratet den vermögenden Stefano Carracci, sie wird zu Raffaella Carracci. Und diese Geschichte ihres neuen Namens, was natürlich auch die Zeit ihrer Ehe meint, wird von der Freundin Elena erzählt. Lila, die aus den ärmlichen Verhältnissen ausbrechen wollte, bezahlt dafür mit einer verpatzten, sie erniedrigenden Beziehung mit einem Macho-Normalo. Elena geht weiterhin zur Schule, lernt fleißig, auch wenn es ihr nicht leicht fällt, wird gefördert und schafft es bis zum Studium. Das ist Ihre Art, der determinierten Gesellschafts- und Familienenge zu entkommen. 

Diese wundervoll erzählte Freundinnengeschichte zwischen Lila und Elena spielt zwar vorrangig in Neapel, doch die Wege führen auch hinaus nach Ischia und Pisa. Die Leben der beiden werden parallel erzählt, mal sehen sie sich länger nicht, dann verbringen sie den Urlaub miteinander. Es ist und bleibt eine leidenschaftliche Anziehungs- und Abstoßungsbeziehung zweier heranwachsender junger Frauen. Während Lila in ihrem Leben zwischen Haus-, Geschäfts- und Ehefrau Vieles ertragen muß und dennoch die Kraft findet, um mit den festen gesellschaftlichen Konventionen zu brechen, steigt Elena scheinbar etwas braver auf der sozialen Karriereleiter ein wenig nach oben.

Elena Ferrante hat eine neue Spannungsstufe im 2. Band ihrer dramatischen Freundinnengeschichte gezündet. Und nicht nur, weil „Die Geschichte eines neuen Namens“ mit einem besonderen Cliffhanger endet, ist das Warten auf die Fortsetzung schon jetzt nahezu unerträglich. Ferrante macht eben süchtig.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens, Suhrkamp Verlag, 624 Seiten, 25€

Zur Rezension im RBB

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