Buchempfehlung: Einblicke in das Leben Constantin Brunners

Denken mit dem Blick auf die Havel

von Mathias Iven

In einem der jüngsten Bände der von Hermann Simon im Verlag Hentrich & Hentrich herausgegebenen Reihe »Jüdische Miniaturen« stellt der Philosoph und Schopenhauer-Biograph Robert Zimmer eine fast schon vergessene, mit Potsdam in Beziehung stehende Geistesgröße vor: Constantin Brunner.

Der 1862 in Altona als Arjeh Yehuda Wertheimer geborene Brunner gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Intellektuellen in Deutschland. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Köln studierte er ab 1884 zunächst in Berlin und dann in Freiburg Philosophie und Geschichte. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Wilhelm Dilthey und Paul Deussen sowie Alois Riehl, der ihn maßgeblich prägte. 1890 beendete er seine Studien, ohne einen akademischen Abschluss erlangt zu haben. Brunner kehrte nach Hamburg zurück und eröffnete dort ein »Litterarisches Vermittlungsbüro«, das Schriftstellern bei der Verwertung ihrer Werke helfen sollte. In den kommenden vier Jahren war er zugleich Mitherausgeber einer Zeitschrift. Das in dieser Zeit für seine Artikel von ihm häufig benutzte Pseudonym »Constantin Brunner« sollte er später als bürgerlichen Namen eintragen lassen.

Zum Wendepunkt in Brunners Leben wurde das Jahr 1895. Er gab seine bisherige Tätigkeit auf und heiratete. Seine Frau brachte nicht nur einiges an Vermögen mit in die Ehe, sondern auch zwei Töchter. Die ältere zog bald schon aus, doch die jüngere, Elise Charlotte, kurz Lotte genannt, sollte in den kommenden Jahren zur wichtigsten Diskussionspartnerin Brunners werden. Das von ihr seit 1903 über drei Jahrzehnte hinweg geführte Tagebuch ist für die Forschung bis heute eine der aufschlussreichsten Quellen zu Brunners Leben und Werk.

Die junge Familie zog von Hamburg nach Berlin. Um sich ganz der Arbeit an dem von ihm geplanten philosophischen Werk widmen zu können, sah Brunner nur eine Möglichkeit: die vollständige Abkehr vom öffentlichen Leben. Und so vollzog sich sein Leben, häuslich umsorgt und zugleich abgeschirmt, fortan an seinem Schreibtisch. In einem Brief an Walther Rathenau, geschrieben im Februar 1919, bekannte Brunner: »Aber ich bin und bin kein Mensch der Praxis und kann nicht zu schaffen haben mit keinerlei Praxis der Menschen und will nicht hinaus. Es war eigentlich mein fester und wirklicher Vorsatz, keine Zeile je bei meinem Leben heraus zu lassen. […] Ich unterzeichne keinen Aufruf mit, rede in keiner Versammlung, gehe nie und ging nie in eine Versammlung oder Verein und habe die Ehre, keinen Journalisten zu kennen.«

Nach mehr als einem Jahrzehnt intensiven Nachdenkens schloss der in der Tradition der philosophischen Mystiker stehende Brunner am 26. Juli 1907 das Manuskript seines opus magnum ab. Das fast 1200 Seiten starke Buch »Die Lehre von den Geistigen und vom Volke« – ein, wie Zimmer zu Recht bemerkt, »vergessenes Hauptwerk der Philosophie des 20. Jahrhunderts« – befasst sich mit der Beziehung des Menschen zur Welt. »Es handelt sich«, wie Brunner in dem »Ankündigung« überschriebenen Vorwort erklärte, »um ein ausgedehntes Werk, das die allerwichtigsten Interessen der Menschheit in erneuter Betrachtung zu umgreifen hat und, was noch mehr ist: um ein Werk von großen, weitreichenden, der Mitwelt noch gänzlich unvertrauten, ja ihre ganze Denkweise und Überzeugung gewaltsam antastenden und höchlichst beleidigenden, grundstürzenden Absichten.« – Und mit Blick auf sein bis dahin vorliegendes Werk wird Brunner schließlich 1917 verkünden: »Die alles von mir Geschriebene kennen, die wissen es so, daß alles, was ich geschrieben habe, das Eine Buch ist: die Lehre von den Geistigen und vom Volk«.

* * *

Wenige Jahre nach dem Abschluss seines Hauptwerkes zieht Brunner mit seiner Familie um. »Wir wohnen nun in Potsdam, am Tiefen See. Vater hat den schönsten Arbeitsplatz, auf dem er je gesessen. Die Umsiedlung hat seinem Befinden einen guten Schwung gegeben und scheint wie eine Art Kur auf ihn zu wirken. Er war beim Einrichten tätig, munter, Schwierigkeiten erfinderisch überwindend, voll reizender und verwegener Einfälle, kurz, in seinem Element. Und es ist ja sein Element: Einrichten ist wie Bauen, Bauen wie Schaffen. Er sagte auch selbst: ›Mir ist hierbei genau so zu Mute, als wenn ich an meinem Werk arbeite.‹« – So Lotte Brunner am 29. März 1913 in ihrem Tagebuch.

Man hat eine Wohnung im oberen Mansardgeschoss in der damaligen Neuen Königstraße 38 (heute Berliner Straße 59) gefunden. Anders als in früheren Jahren entwickelt sich ein reger Briefwechsel und Brunner empfängt Besucher, so unter anderem Walther Rathenau und Rose Ausländer. Unermüdlich verfasst er Artikel und schreibt Bücher. Sieben, einschließlich der 2. Auflage seiner »Lehre von den Geistigen und vom Volke«, wird er in dem seit 1918 in Potsdam ansässigen Verlag von Gustav Kiepenheuer veröffentlichen. – Nach 17 Jahren verlässt Constantin Brunner im Herbst 1930 Potsdam (im Oktober 1993 wird man sich hier im Rahmen eines Symposions erstmals an ihn erinnern) und zieht mit Frau und Tochter nach Berlin-Wilmersdorf. Zwei Wochen nach diesem Ereignis vermerkt Lotte Brunner in ihrem Tagebuch: »Wir sind am 30. September in die Helmstedterstraße 10 gezogen. Am Tage des Umzugs erkrankte Vater an einer schweren Bindehautentzündung des linken Auges und wurde damit für kurze Zeit bettlägerig. Jetzt dekoriert er wieder mächtig. ›Wände sind philiströs. Ich muß durch die Wände durchgucken können, und das kann ich nur mit Hilfe von Bildern.‹ Im ›Zimmer der sieben Vorhänge‹ hat Vater sogar zwischen dem Aufsatz seines Waschtischs, an einem Platz, der für einen Spiegel gedacht ist, ein Bild angebracht, ganz unbekümmert darum, ob es beim Waschen angespritzt wird.«

Als der Nationalsozialismus die Macht ergreift, kehren die Brunners im April 1933 Deutschland den Rücken. – Am 27. August 1937, es ist sein 75. Geburtstag, stirbt Constantin Brunner im niederländischen Exil in Den Haag, dort, wo auch der ein Leben lang von ihm verehrte Spinoza seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Seine Frau Leoni und ihre Tochter Lotte werden 1943 im Konzentrationslager Sobibor ermordet. – – –

Robert Zimmers biographische Miniatur sollte Anstoß genug dafür sein, das Werk eines äußerst produktiven Denkers des vergangenen Jahrhunderts in die aktuellen philosophischen Debatten einzubeziehen.

Robert Zimmer: Constantin Brunner – Philosoph und Weisheitslehrer (Jüdische Miniaturen, Bd. 207). Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, 88 Seiten mit 22 Abb., 8,90€

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