Buchempfehlung: Frans Eemil Sillanpää „Jung entschlafen“

Jung entschlafen, intensiv gelebt

von Felix Palent

Der Literaturnobelpreis ist eine Lichtmaschine. Plötzlich erhellt er das Werk eben noch unbekannter Autoren. Diesem Schein folgen Ruhm und Anerkennung. 1939 jedoch konnte der Literaturnobelpreis in Deutschland kein Lichtchen mehr entfachen. Der Preisträger Frans Eemil Sillanpää war als Autor nicht mehr existent. Er richtete 1938 einen offenen Weihnachtsbrief an die drei diktatorischen Heerscher Hitler, Mussolini und Stalin: „Eure Macht reicht nicht weiter als bis zum irdischen Staub.“ Ein politischer Affront, der in Deutschland ein künstlerisches Todesurteil nach sich zog. Der Insel Verlag stampfte die bereits gedruckte Nachauflage des Romans „Silja, die Magd“ ein. 5000 Exemplare waren das, aufgewogen gegen einen Weihnachtsbrief.

Nach 85 Jahren erscheint dieser populärste Roman des bis heute einzigen finnischen Literaturnobelpreisträgers in einer Neuübersetzung im Guggolz Verlag. Man könnte es getrost auch Erstübersetzung nennen. Denn was damals ideologisch gefärbt noch „Silja, die Magd“ hieß, heißt heute originalgetreu und ungekürzt „Jung entschlafen. Eines alten Stammbaums letzter Trieb“.

Sillanpää erzählt darin von einem familiären Niedergang. Im Prolog nimmt er das Ende der Geschichte bereits vorweg: das Landmädchen Silja stirbt einen stillen, edlen, ja zarten Tod. Im folgenden Romangeschehen erzählt Sillanpää von Silja und ihrem Vater Kustaa, dessen Geschichte in den 1890er Jahren auf einem Erbhof beginnt. Mit viel Hoffnung und Aufbruchsgeist gründet er eine eigene Familie. Doch schon bald schleicht sich Kraftlosigkeit in das mühevolle Hofleben ein, Familienzwist brodelt, ganz beiläufig schlägt Kustaa falsche Wege ein, Momente der Erniedrigung mehren sich, Kinder sterben früh, ja letztlich sogar die Ehefrau.

Sillanpää fokussiert in seinem Erzählen auf das Seelenleben seiner Hauptfiguren. Und doch vergisst er darüber nicht deren gesellschaftliche Relevanz hervorzuheben. Es ist die Zeit einer großen sozialen Mobilität und Skupellosigkeit, in der das Geschäft mit der Not der Anderen mehr wiegt als nachbarschaftliche Solidarität. Darin ähnelt „Jung entschlafen“ so mancher Geschichte, die auch heute erzählt wird.

Sillanpää erzählt zwar lakonisch und illusionslos, ist aber gleichzeitig sehr einfühlsam. Er pflegt eine warme Leidenschaft für die Figuren und die Natur. In gewisser Weise könnte man seinen Stil als instinktiv bezeichnen. Sillanpää sucht mit einer einfachen, direkten Sprache die Gemengelage um das Aussterben dieses „letzten Triebs“ zu umkreisen: Er sieht das Verebben des „Hausbesitzerinstinkts“, er sieht „wortlose Gedanken, die sich zu einer unerwartet starken Stimmung verdichten“, er sieht seelische Erschütterungen, letztlich fällt auch das Wort „Schicksal“. „Kustaa war vielleicht geboren worden, um genau das zu tun, aber er konnte es nicht.“

Genau festlegen tut sich Sillanpää nicht, weil er nicht allwissend über den Figuren steht, sondern neben ihnen, egal welchem gesellschaftlichen Stand sie angehören. Er erzählt auf Augenhöhe, mit Sympathie. Und so gelingt es ihm auch in ein solches Buch in Molltonart viele lichte Momente der Zuversicht einzuweben.

Frans Eemil Sillanpää: Jung entschlafen. Eines alten Stammbaums letzter Trieb, Guggolz Verlag, 410 Seiten, 24€.

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