Buchempfehlung: Karl Ove Knausgard „Im Winter“

Der literarische Espresso
       oder
           Die tägliche Dosis Knausgard

von Felix Palent

Obwohl er am Ende von Kämpfen den Gedanken genießt, dass er nun „kein Schriftsteller mehr ist“, hat Karl Ove Knausgard weiter geschrieben. Nach dem raumgreifenden Erzählen in „Min Kamp“ legt Karl Ove Knausgard nun einen Kurzstrecken-Zyklus vor, das „Jahreszeiten-Projekt“. Mit „Im Herbst“ und „Im Winter“ sind inzwischen zwei von vier „Jahreszeiten-Bänden“ erschienen. Knausgard ist sehr früh aufgestanden und hat sich bis zum Erwachen der Familie einge Stunden Schreibzeit genommen, um seinem damals noch ungeborenen vierten Kind am Schreibtisch die Welt zu zeigen. Gleichzeitig versucht aber auch der Vater, diese Welt nocheinmal anders zu betrachten, nicht mit den abgeklärten Augen des Erwachsenen, sondern den staunenden, unvoreingenommenen Blick des Kindes auf die Welt zu richten. Aus diesem Grund greift Knausgard weder auf abstrakte, weltordnende Systeme, noch auf virtuose Ideenformationen zurück. Er thematisiert ganz basale Dinge wie Wasser, Krähen oder Stühle, Themen, die mintunter an die jeweilge Jahreszeit gebunden sind, wie in „Im Winter“ etwa Weihnachtsgeschenke oder Wintergeräusche. Mitunter sind es überraschende Texte, nach deren Lektüre man staunt, was Knausgard alles beispielsweise zu Münzen zu sagen hat. Mitunter tun sich weltenöffnende Perspektiven etwa über Hohlräume oder das Lokale auf. Aber es befinden sich auch ruhige, kontemplative Texte über Schnee oder den Mond darunter.

Auch auf diesen knackigen Text-Sprints gelingt es Knausgard, den für ihn typischen Sog oder Rausch zu erzeugen. Immer dann, wenn er ins Offene schreibt, wenn er den kontrollierenden Intellekt loslassen kann, wenn er beginnt ohne ein Ziel ins Visier genommen zu haben, immer dann transportiert sich in Knausgards Texten etwas Ungebändigtes, etwas Wildes, etwas Freies.

In den Jahreszeiten-Bänden zeigt sich Knausgard als stylistischer Minimalist. Ihm genügen wenige Sätze, um ein Bild zu skizzieren oder einen Gedanken zu entwerfen. In einem der staunenswertesten Texte, Winter, kommt er rasch von einer Beschreibung des Herbstes zum Einzug des „Königs Winter“, um mit dessen Reglosigkeit einen anderen König zu assoziieren, den König Alkohol. Von diesem Herrscherpaar schlägt er einen Haken zum innersten Kreis der Hölle in Dantes „Göttlicher Komödie“ und sieht Ähnlichkeiten von den dort Gefangenen mit den Säufern im Park. Und das Saufen ist diesem Karl Ove Knausgard für immer mit dem Alkoholtod seines Vaters verbunden, wie er ihn in „Sterben“ geschildert hat. „Es war Winter in seiner Seele, Winter in seinem Geist, Winter in seinem Herzen.“

Diese Bücher sind mehr als nur ein Appendix für Fans von „Min Kamp“. Zum Einen zeigt Karl Ove Knausgard, dass er auch Bücher zu schreiben im Stande ist, die dünner als 600 Seiten sind. Zum Anderen tastet sich hier ein Autor, der sich schon tot geglaubt hat, einen Weg voran, ins Offene. Begleiten wir ihn dabei! Lesen wir Karl Ove Knausgard!

 

Karl Ove Knausgard:
Im Herbst. Mit Bildern von Vanessa Baird, 286 Seiten,  22€
Im Winter. Mit Bildern von Lars Lerin, 310 Seiten, 22€
Im Frühling. Mit Bildern von Anna Bjerger, 22€
Im Sommer. Mit Bildern von Anselm Kiefer, 320 Seiten, 22€

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