Buchempfehlung: Rückblick auf das Jahr 1517

Luther, die Reformation und was sonst noch geschah …

von Mathias Iven

Wenn wir auf das Jahr 2017 zurückblicken, so wird es vielen als das Jahr Martin Luthers in Erinnerung bleiben. Bücher, Artikel, Fernsehsendungen, Ausstellungen – der Wittenberger Reformator war präsent wie nie zuvor. Zu Recht! Als Luther am 31. Oktober 1517 dem Erzbischof von Mainz seine lediglich als Diskussionsgrundlage gedachten 95 Thesen »zur Klärung der Kraft der Ablässe« übersandte konnte er nicht ahnen, dass das für die Kirche der Beginn einer neuen Zeitrechnung werden würde – doch so geschah es. Als »annus mirabilis«, als Wunderjahr ging das Jahr 1517 in die protestantische Geschichtsdeutung ein.

Doch was ereignete sich damals sonst noch? Wie sah die Welt vor 500 Jahren außerhalb Wittenbergs, außerhalb Europas aus? Heinz Schilling, dessen Biographie »Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs« mittlerweile zum Standardwerk geworden ist, schreibt in der Einleitung zu seinem schlicht »1517« betitelten Buch: „Die Grundlagen unseres Geschichtsbildes haben sich radikal verändert […] An die Stelle des europäischen Neuzeit-Monopols tritt zunehmend die Erkenntnis, dass auch in anderen Teilen der Welt Impulse zum Aufstieg neuer, neuzeitlicher Lebensbedingungen gesetzt wurden.“

Schilling legt mit »1517« ein Buch vor, das von einem welt- und globalgeschichtlichen Bewusstsein bestimmt ist, wie es seinesgleichen sucht. Die Wittenberger Ereignisse sind für ihn der Ausgangspunkt zur Erkundung der Welt, wie sie Luther und seine Zeitgenossen erlebt haben. Sein Blick richtet sich nicht allein auf die konkurrierenden Dynastien und frühmodernen Staaten, sondern behandelt vor allem deren vordringliche Probleme: Wie sah es mit der durch das Mächteringen immer schwieriger werdenden Friedenssicherung aus? Wie war es um die Stabilität des Geldes bestellt? Welche Auswirkungen hatten die Begegnungen mit den Zivilisationen Asiens und Amerikas?

Gerade bei der Beantwortung der letzten Frage geht es nicht mehr nur um wirtschaftliche oder politische Belange. Als die altamerikanischen Hochkulturen und das sagenumwobene Reich der Mitte ins Blickfeld traten, erhielt die europäische Wissenskultur einen neuen Schub. »Ein Streben«, so umreißt es Schilling, »nach Ausweitung des Wissens und Durchdringung der Welt war geweckt, das nicht mehr erlahmen sollte. […] Das Wissen über die neuen Welten vereinigte sich mit dem innereuropäischen Wissensaufbruch der Renaissance.«

Die letzten Kapitel seines Buches widmet Schilling der Untersuchung der geistigen, politischen und sozialen Spannungen, die den Mythos 1517 schufen. Zunächst betrachtet er den Widerspruch zwischen Rom, »dem päpstlichen Nabel der Welt«, und dem allgemeinen Verlangen nach spirituellen, vor allem aber institutionellen Reformen. Und schließlich wird der Leser zurück nach Wittenberg geführt, »an den Rand der Zivilisation«, wo das Denken und Handeln eines Augustinermönchs die Welt verändern wird.

Heinz Schilling: 1517 – Weltgeschichte eines Jahres. C. H. Beck Verlag, München 2017, 364 Seiten mit 40 Abb., 24,95 €

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