Buchempfehlung: Die Andere Bibliothek präsentiert Marcel Proust und Ricarda Huch


Zurück zu den Quellen!

von Mathias Iven

Als am 14. November 1913 „Du côté de chez Swann“, der erste Band von Prousts Jahrhundertwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in die Buchhandlungen kam, ahnte niemand etwas von der Vorgeschichte dieses Romans. Zwar konnte man in späteren Jahren die zeitlichen Abläufe der Drucklegung anhand von Prousts Korrespondenz rekonstruieren, doch welche inhaltlich-stilistischen Änderungen es auf dem Weg vom Manuskript bis hin zum Buch gab, ließ sich nur vermuten. Einzig die von Proust bearbeiteten Druckfahnen hätten darüber Auskunft geben können, doch diese schienen auf ewig verloren. Und so glich es einem Wunder, als sie im Juli 2000 bei einer Versteigerung in London der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Fast sieben Jahrzehnte waren sie im Besitz eines Sammlers, der sie von Marthe Dubois-Amiot, der Frau von Prousts 1935 verstorbenem Bruder Robert, erworben hatte.

Eine Buchausgabe ließ nicht lange auf sich warten. In einer luxuriösen Faksimile-Edition veröffentlichte der Verlag Gallimard 2013 zunächst die Urfassung von „Combray“, dem ersten Teil von „Du côté de chez Swann“. Dass dieser Text, der 29 von insgesamt 51 überlieferten Druckfahnen umfasst, jetzt auch auf Deutsch vorliegt, ist nicht nur dem Mut des Verlegers zu danken, sondern vor allem der Leistung des in Zürich lebenden Übersetzers Stefan Zweifel.

Zweifels einleitende Bemerkungen versetzen den Leser zurück in die Zeit zwischen dem 31. März und dem 25. April 1913. Es sind die Wochen, in denen ein bereits druckfertiger Roman vollkommen umgearbeitet wird. Die erste Korrektur nimmt Proust bereits am Titel vor. Aus „Les Intermittences du Cœur“ („Das Flimmern des Herzens“) wird „À la recherche du temps perdu“ („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“). Dem Romancier Jean-Louis Vaudoyer beschreibt Proust diesen Prozess so: „Es bleibt nicht eine von 20 Zeilen des ursprünglichen Textes (ohne von einer anderen ersetzt zu werden). Da wird durchgestrichen, korrigiert, auf allen weißen Stellen, die ich finden kann, und ich klebe überall Papiere hinein, oben, unten, rechts, links, etc.“ Sein Verleger Bernard Grasset blickt auf ein nicht zu entzifferndes Durcheinander und erklärt, „dass es einfacher wäre, den Text neu zu setzen, […] da auf [den Korrekturfahnen] nur noch ein paar Satzfragmente übrig bleiben“. „Letztlich“, so versucht Proust ihn zu beruhigen, „ändert der Text sich nicht so extrem, denn alles, was ich beifüge, habe ich meist wieder gestrichen.“

Was die übersetzerische Arbeit und die graphische Gestaltung angeht, so ist die deutsche Fassung von „Combray“ eine Edition der Extraklasse. Um zu zeigen, was da alles beigefügt und wieder gestrichen wurde, bot sich einzig eine „Parallelausgabe“ des Textes an. Und so findet der Leser – noch dazu in mehrfarbigem Druck – auf der rechten Seite die unkorrigierten Druckbogen des ursprünglichen Proust-Textes, links daneben wird der endgültige Text mit allen von Stefan Zweifel entzifferten Ergänzungen, Streichungen und Korrekturen von „Combray“ wiedergegeben. In die Ausgabe hineinblättern.

Wenn es um den Vergleich zwischen Ur- und Endfassung des Romans geht, so muss man Zweifel zustimmen: „Es bleibt das Paradox: [Proust] hat ein ganz neues Buch geschrieben – und: es hat sich nichts verändert.“ Gerade deshalb kommen von Proust begeisterte Leser an dieser Ausgabe nicht vorbei!

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Sie gehört zu den fast Vergessenen. Trotz ihrer umfangreichen publizistischen Hinterlassenschaft ist die Schriftstellerin, Philosophin und Historikerin Ricarda Huch den meisten Lesern nur noch im Zusammenhang mit ihrer großen, zwischen 1912 und 1914 in drei Teilen veröffentlichten Arbeit über den Dreißigjährigen Krieg bekannt. Dass sie sich gut ein Jahrzehnt zuvor mit Novalis, Tieck, den Gebrüdern Schlegel und deren Zeitgenossen beschäftigt hat, bringt uns die Neuausgabe von zwei ihrer wichtigsten Werke in Erinnerung.

Den jetzt in einem Band der Anderen Bibliothek zusammengefassten Büchern „Blütezeit der Romantik“ (1899) und „Ausbreitung und Verfall der Romantik“ (1902) verdanken wir zu einem Großteil unser heutiges Verständnis dieser literarischen Epoche. „Ich hatte den Plan dazu gefaßt“, erinnerte sich Huch rückblickend, „da ich den Eindruck hatte, alles, was über die Romantiker geschrieben wurde, habe sie und ihre Bedeutung nicht tief genug erfaßt.“ Hinzu kam das „Gefühl einer Vertrautheit mit den Personen und ihrem Denken und Empfinden“. Vor allem diese Vertrautheit ist es, die der Leser von der ersten Zeile an spürt. Oft kommt es einem so vor, als wäre Huch selbst dabei gewesen. Ihre Darstellung lebt von einer inhaltlich-thematischen Breite, die bis heute beeindruckt. So betrachtet sie nicht allein die Gruppe der Schriftsteller und bildenden Künstler, sondern bezieht auch Naturwissenschaftler, Mediziner, Theologen und Politiker in ihre Überlegungen mit ein. Und, nicht zu vergessen: auch der Anteil der Frauen, Freundinnen und Gefährtinnen der Romantiker wird von ihr entsprechend gewürdigt.

Für Huch waren die Romantiker „in erster Linie denkende, dichtende und ausdauernde, am wenigsten handelnde Menschen“. Ihr Leben und Wirken wurde bestimmt von dem „angeborene[n] Gefühl, Natur und Geist als eins zu sehen“. Die höchste Kunst war ihnen die Musik, für sie „gleichbedeutend mit dem All, dem Unendlichen, in das sich aufzulösen sie sich sehnten“. Im „Athenäum“, der von August Wilhelm und Friedrich Schlegel herausgegebenen Zeitschrift, lag „der Keim zu allem, was die Romantik bringen sollte“. Lediglich sechs Ausgaben erschienen. Für Huch dennoch ein Erfolg: „Was für ein idealistisches Zeitalter, in welchem eine Zeitschrift Leser fand, die keinen, aber auch gar keinen Unterhaltungsreiz bot; die mehr studiert als gelesen sein wollte.“

Am Ende ihres spannungsreichen Überblicks zitiert Ricarda Huch aus dem Tagebuch des zum Kreis der Romantiker gehörenden Arztes, Kunsttheoretikers und Malers Carl Gustav Carus, der schon früh festgestellt hatte: „Denn es wird doch immer der wesentliche Charakter des Romantischen bleiben, daß die Abgeschlossenheit fehlt, und daß immer noch auf ein Weiteres, auf ein Fortschreiten gedeutet wird.“ Ganz in diesem Sinne betont Tilman Spreckelsen in seinem Nachwort: „Die Romantik mag aufblühen und verwelken, im Einzelnen wie auch als geistige Strömung insgesamt unsichtbar werden, sie ist dennoch latent immer vorhanden, als Samenkorn für künftige Zeiten.“ – Dem ist nichts hinzuzufügen.

Marcel Proust: Das Flimmern des Herzens (Übersetzung von Stefan Zweifel). Die Andere Bibliothek, Bd. 395. Berlin 2017, 696 Seiten, 42,– €

Ricarda Huch: Die Romantik. Ausbreitung, Blütezeit und Verfall (Nachwort von Tilman Spreckelsen). Die Andere Bibliothek, Bd. 397. Berlin 2017, 732 Seiten, 42,– €

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