Lesungen im September 2017

Spielzeiteröffnung im Blauen Salon

Donnerstag, 7. September
DIE LESUNG VON LUKAS BÄRFUSS MUSS AUFGRUND EINER ERKRANKUNG LEIDER ENTFALLEN.
 

Montag, 11. September
Michael Schindhelm „Letzter Vorhang“

 

Donnerstag, 21. September
Roland Schimmelpfennig „Die Sprache des Regens“

Die Volksbühne ist zu, dicht, verrammelt. Kein laufendes Rad mehr, keine Schriftzüge. Getreu den geflügelten Worten „Das Theater ist tot, es lebe das Theater!“ behaupten wir einfach, dass es sie noch gäbe, diese unberechenbaren, unzumutbaren, unvernünftigen Inszenierungen. Zur Eröffnung unserer Herbst-Spielzeit haben wir darum drei Theaterautoren eingeladen:
Der Schweizer Lukas Bärfuss stellt seinen luziden Roman „Hagard“ vor. Eine eigenartig schillernde Geschichte, um die Verfolgung einer Frau im Feierabendgedrängel.
Eine aufsehenerregende Theaterschließung thematisiert Michael Schindhelm in seinem Roman „Letzter Vorhang“, der pünktlich zur letzten Vorstellung der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz am 1. Juli erschienen ist.
Und schließlich begrüßen wir den meistgespielten deutschprachigen Dramatiker auf unserer Bühne: Roland Schimmelpfennig stellt seinen zweiten Roman „Die Sprache des Regens“ vor.

Vorhang auf: Theaterseptember!

 

Jeweils um 19 Uhr im Literaturladen | Eintritt: 8€ | Vorbestellungen erbeten

Buchempfehlung: Adolf Muschg „Der weisse Freitag“

Anlässlich von Goethes 268. Geburtstag am 28. August 2017

eine Rezension von Mathias Iven

Auf der Suche nach einem gelingenden Leben

Drei Mal reiste Goethe in die Schweiz. Im Sommer 1775 wollte er nicht nur den gesellschaftlichen Zwängen seines bisherigen Lebens in Frankfurt entfliehen, er war vor allem auf der »Suche nach einem Land, wo zwangloser zu leben war und der Adel der Seele mehr galt als derjenige der Geburt«. Zugleich stellte er sich aber auch die Frage »Wer bin ich?«. Die zweite Reise, vier Jahre darauf, war gleichfalls eine von Zweifeln überschattete Flucht: »Was soll ich in Weimar, was habe ich in der Welt verloren?« Goethes Weg zu einem selbstbestimmten Leben, zu einer tragfähigen Identität schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Ganz anders 1797. Der fast Fünfzigjährige reiste jetzt als Staatsmann und arrivierter Künstler. Geleitet wurde er ausschließlich von dem »Bedürfnis nach Vergewisserung seiner selbst«.

Adolf Muschg, ausgewiesener Kenner von Goethes Werk, hat sich bereits vor über einem Jahrzehnt mit dessen Schweizer Reisen beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch »Der weiße Freitag« ist er noch einmal darauf zurückgekommen. Doch dieses Mal geht es nicht mehr allein um Goethe, sondern vor allem um Muschg selbst. Eine neuerliche Krebs-Diagnose, ein Treppensturz, ein Krankenhausaufenthalt – all dies war innerhalb weniger Monate zusammengekommen. Im Spital gibt ihm der elfte Band der 1808 bei Cotta erschienenen Goethe-Ausgabe, enthaltend die »Briefe aus der Schweiz«, das Gefühl, »in einer klinischen Umgebung auf vertrautem Boden zu stehen«. Weiterlesen

„Ikarus“ – Eine Erzählung von Ferenc Liebig

IKARUS

Eine Erzählung von Ferenc Liebig

Nachdem die Kreatur abgestürzt war, auf dem staubigen Boden lag, mit seinen gewaltigen Flügeln, rannte der Junge aufgeregt nach Hause, riss die Wohnwagentür auf und erzählte seinem Vater, wie dieser Vogelmensch nach unten trudelte, einem verhedderten Fallschirmspringer gleich, doch der Vater sagte nur, schau nicht so viel fern und verschwand kopfschüttelnd in der Badnische. Der Junge holte die Schubkarre aus dem Verschlag, sprintete zurück zum Feld und drehte die Kreatur auf den Rücken. Es handelte sich um eine junge Frau, die zu seiner Überraschung keine äußerlichen Verletzungen davon getragen hatte. Schüchtern berührte er ihre Haut, legte sie so, dass er die Flügel genauer untersuchen konnte. Weiß waren sie, samtig, die Federn dicht aneinandergereiht und wie er sie inspizierte, kam ihm die Idee, von der er selbst nicht recht wusste, ob sie funktionieren würde. Mit aller Kraft hievte er die Kreatur in die Schubkarre und mühte sich über den sandigen Weg. Ein Engel, dachte er, stellte die Schubkarre ins Dickicht und schlich in die Küche. Mit Schere und Paketklebeband ging er wieder nach draußen.

 

aus: Ferenc Liebig „Die Guten werden gehen“, 148 Seiten, epubli Verlag, 9,99€

Buchempfehlung: Lorenz Jägers Benjamin-Biographie

»Der Sommer rückte mich an die Hohenzollern heran.«

von Mathias Iven

Es gibt – wie sollte es bei so einem wichtigen Denker anders sein – schon einige, dem Leben von Walter Benjamin gewidmete Biographien. Die jüngste, sehr lesenswerte Arbeit stammt von Lorenz Jäger, ehemals Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seiner Darstellung erhebt Jäger den Anspruch, »Benjamins Entscheidungen in jeder Lebensepoche nachzuzeichnen – die religiösen, die philosophischen, die ästhetischen und die politischen«. Ausgangspunkt ist ihm dabei das familiäre Umfeld.

Durch die Anstellung des Vaters im Berliner Kunstauktionshaus Lepke kam Walter Benjamin schon früh mit den Fragen nach Original, Kopie, Fälschung oder Reproduktion in Berührung. Jäger sieht hier den entscheidenden Ansatz für Benjamins Überlegungen zum Begriff der »Aura«, der erstmals im Dezember 1927 in den zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten »Protokollen zu Drogenversuchen« auftauchte und bis heute – zumal durch die Verwendung in unterschiedlichen Kontexten – zu den am meisten diskutierten, wenn auch nicht von ihm, sondern aus der mystischen Tradition stammenden Begrifflichkeiten in Benjamins Werk gehört. – So charakterisierte er in dem 1931 publizierten Artikel »Kleine Geschichte der Photographie« und in seinem großen, 1936 in der »Zeitschrift für Sozialforschung« erschienenen Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Aura als ein »sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«. Und in seiner Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« ergänzte er 1939: »Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.« Oder anders ausgedrückt: es geht um die Echtheit, Einmaligkeit und zugleich Unnahbarkeit von Objekten und ihrer Wahrnehmung.
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Der Blaue Salon: Ein Abend zu Karl Ove Knausgards „Min Kamp“

DER BLAUE SALON | SCHWERGEWICHTE
Ein Abend zu Karl Ove Knausgards „Min Kamp“
Montag, 15. Mai, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen
Eintritt: 5€

Wir feiern das Erscheinen des sechsten und letzten Bandes von „Min Kamp“ auf Deutsch!

Karl Ove Knausgard
M I N   K A M P
STERBEN | LIEBEN | SPIELEN | LEBEN | TRÄUMEN | KÄMPFEN

Nach 3335 gelesenen Seiten schlagen wir den letzten Band auf. Vorher rekapitulieren wir die Bücher eins bis fünf, sprechen über den Erzähler, den Mann, den Intellektuellen Karl Ove Knausgard. Wir sehen, hören und erfahren den radikalen Exzess „Min Kamp“.
Am Ende öffnen wir das noch versiegelte Paket und heben an zur Vorab-Premiere des letztens Bandes „Kämpfen“ .

Lesen Sie hier eine Rezension der ersten vier Bände

Foto: André Loyning

Der Blaue Salon am 8. Mai: Ein Abend für Peter Handke

DER BLAUE SALON | THEATER THEATER
„Die schönen Tage von Aranjuez“ – Ein Abend für Peter Handke
Mit Jutta Wachowiak und René Schwittay
Montag, 08. Mai, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen
Eintritt: 7€

Personen: Eine Frau, namenlos, ein Mann, namenlos: das Paar schlechthin. Sie treffen sich, um über die Liebe zu reden, die erste Liebe, darüber, was Mann und Frau fühlen, wenn sie miteinander sind. Sie reden darüber, wie man über die Liebe redet.

»Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel. Ein Garten. Eine Terrasse. Unsichtbare, nur hörbare Bäume, mehr Ahnung als Gegenwart…«

Buchempfehlung: Einblicke in das Leben Constantin Brunners

Denken mit dem Blick auf die Havel

von Mathias Iven

In einem der jüngsten Bände der von Hermann Simon im Verlag Hentrich & Hentrich herausgegebenen Reihe »Jüdische Miniaturen« stellt der Philosoph und Schopenhauer-Biograph Robert Zimmer eine fast schon vergessene, mit Potsdam in Beziehung stehende Geistesgröße vor: Constantin Brunner.

Der 1862 in Altona als Arjeh Yehuda Wertheimer geborene Brunner gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Intellektuellen in Deutschland. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Köln studierte er ab 1884 zunächst in Berlin und dann in Freiburg Philosophie und Geschichte. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Wilhelm Dilthey und Paul Deussen sowie Alois Riehl, der ihn maßgeblich prägte. 1890 beendete er seine Studien, ohne einen akademischen Abschluss erlangt zu haben. Brunner kehrte nach Hamburg zurück und eröffnete dort ein »Litterarisches Vermittlungsbüro«, das Schriftstellern bei der Verwertung ihrer Werke helfen sollte. In den kommenden vier Jahren war er zugleich Mitherausgeber einer Zeitschrift. Das in dieser Zeit für seine Artikel von ihm häufig benutzte Pseudonym »Constantin Brunner« sollte er später als bürgerlichen Namen eintragen lassen. Weiterlesen

Der Blaue Salon am Montag mit Bettina Abarbanell

Hervorgehoben

DER BLAUE SALON
Make the american literature great again“
Ein Abend mit der Übersetzerin Bettina Abarbanell
Montag, 24. April, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen
Eintritt: 5€

Sie hat die großen Romane von Jonathan Franzen übersetzt.
Sie hat sich mit einer Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ in der klassischen amerikanischen Literatur bewährt.
Mit Denis Johnson überträgt sie einen der unkonventionellsten Autoren englischer Sprache ins Deutsche.
Und mit der jungen Rachel Kushner zeigt sie, wie vielseitig sie ist.

Am kommenden Montag begrüßen wir die Potsdamer Übersetzerin Bettina Abarbanell. Wir möchten sie nach ihrer Arbeit befragen und mit ihr über „ihre“ Autoren sprechen; über das Geheimnis und die Voraussetzungen des Übersetzens; und natürlich aus den Büchern lesen.

Mit Marcel Reif im Waschhaus: Sprache, Fußball und mehr

 

Fotos: Harald Hirsch

Buchempfehlung: Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

Ferrante macht eben süchtig

von Carsten Wist

Viel spannender als die vermeintliche Aufdeckung, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verberge, ist doch die Frage, ob die literarische Qualität, die die Autorin im ersten Buch „Meine geniale Freundin“ vorgelegt hat, auch im 2. Teil gehalten werden kann. Eindeutige Antwort: Ja!, denn „Die Geschichte eines neuen Namens“, so heißt der zweite Band, knüpft nahtlos an die Vorzüge des ersten Romans an. Als da sind: die realistische Darstellungsweise in einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit, der tiefenpsychologische Blick auf die Figuren, ihre Bewegungs- und Handlungsgründe und das farbenfrohe Zeichnen eines vielschichtigen neapolitanischen Gesellschaftspanoramas der 50er und 60er Jahre mit einem großen Figurenensemble. Und das alles auch noch mit einem Höchtsgrad an Unterhaltsamkeit.
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