Buchempfehlung: Connie Palmen „Du sagst es“

Maximalpulsliteratur!

von Carsten Wist

Als Sylvia Plath sich 1963 das Leben nahm, gerade einmal 40 Jahre alt, war mit ihrem Ehemann Ted Hughes für viele der Schuldige schnell gefunden. Die Nachwelt, die Biographen Sylvia Plaths und die Literaturweltdeuter bestätigten später das Soforturteil und machten Ted Hughes zum Sündenbock, zum ehebrecherischen Lügner und heuchlerischen Verräter, zum Mörder eines Genies. Sylvia Plath wurde ikonisch verehrt, Ted Hughes verdammt. Er hat dazu geschwiegen, bis zu seinem Tod 1998. Und nun geht die niederländische Autorin Connie Palmen das große Wagnis ein, die fiktive Autobiographie Ted Hughes zu schreiben. Sie gibt ihm eine Erzählstimme, zwingt ihn, endlich ICH zu sagen und damit von seinem Leben mit Sylvia Plath zu erzählen. Das hat so eine Kraft, ist hochdramatisch, Maximalpulsliteraur, hingeworfenach, was sag ich hingeknallt, diese unglaublich starken Sätze, diese klug-weitsichtigen Reflexionen, diese exzessive Liebes-Todes-Passion.


1956 lernt der Engländer Ted Hughes die Amerikanerin Sylvia Plath kennen, sie erbeuten einander, sie küßt nicht, sie beißt, sie fallen übereinander her, wild, gefährlich, ein Liebesduell. Sie ist es. Für ihn. Dieses Gefäß voll Gift, dieser Tanz mit der Rachegöttin, dieser Liebe- und Haß-Reigen. Zwei Künstlerseelen, denen Schreiben mehr bedeutet als Leben, zuerst die Bücher und Ruhm, dann Baby und Steaks ist ihr Motto. Schnell geheiratet. Das amerikanische Frauchen Sylvia und der gefeierte englische Dichter. Sie holt schreibend auf. Sie werden das Liebespaar der modernen Literatur, von der Öffentlichkeit beobachtend seziert. Doch hinter den geschlossenen Türen, in den Köpfen der beiden brodelt es. Die Angst schreibend zu versagen ist groß, Sylvia trägt an dem frühen Tod ihres Vaters schwer, ein früher Selbstmordversuch scheitert, ihr Wunsch zu ihm zu wollen ist immer vorhanden. Das Verhältnis zu ihrer dominanten Mutter ist fragil. Sylvia Plath ist von Angstattacken getrieben, sie hat Depressionen, ist von Dämonen besetzt. Das Paar versucht sich gegenseitig zu stützen, ein Kampf um Halt, doch sie stürzen, stehen wieder auf. 6 Jahre Ehe, zwei Kinder. Am Ende ist viel zerschlagen, verstümmelt und verkrüppelt. Und als die eh hochgradig Eifersüchtige von seiner Affäre erfährt, trennen sie sich. Obwohl sie wieder in die Lebensbalance zu kommen scheint, nimmt sie sich wenig später den Tod.
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Buchempfehlung: Juli Zeh „Unterleuten“

Intrigieren, Koalieren, Antichambrieren, Reanimieren, Kokettieren, Stimulieren, Anschmieren

von Carsten Wist

Da zog es sie einst mit Lust aufs Land, auf der Suche nach der idyllischen Alternative zum hektisch-urbanen Großstadtleben. Gerhard, der habilitierte Soziologe, nun der engagierte Vogelbeschützer und seine 20 Jahre jüngere Sophie. Doch nun ist der Sommer nicht nur verdammt heiß, sie werden auch noch von schwarzen, stinkenden Rauchschwaden, die vom Grundstück des dicken Autoschraubers Schaller rüberwehen, eingeräuchert. So beginnt der neue Roman von Juli Zeh.“Unterleuten“ heißt er. Unterleuten ist das fiktive Dorf irgendwo in Brandenburg, in dem die Autorin ihren Roman angesiedelt hat, der so eine Art Versuchsanordnung zum Thema „Leben auf dem Land“ ist. Weiterlesen

Buchempfehlung: Durs Grünbein „Die Jahre im Zoo“

Soo ein Zooerzähler!

von Carsten Wist

Als er noch ein Kind war, wollte er irgendetwas werden, was mit Tieren zu tun hat. Zoodirektor vielleicht. Zum Teil geprägt von des Großvaters beharrlichem Verfolgen der merkwürdigen Radioübertragungen aus dem Zoo, doch vor allem von den vielen vielen Besuchen im Dresdener Zoo. Durs Grünbein ist bekanntermaßen kein Zoodirektor geworden, sondern einer der sprachintensivsten Dichter unserer Gegenwart. “Die Jahre im Zoo“ ist sein neuestes Buch betitelt. Es ist ein autobiographisches Werk geworden, wohlgemerkt: nicht Grünbeins Autobiographie. Ein Kaleidoskop nennt der Autor es, also ein zusammengesetztes, bruchstückhaftes Erinnerungsbuch aus wechselnden Perspektiven beschrieben. Eine Kindheit in Dresden, und ein wenig Jugendzeit noch dazu – das ist die Zeit in der sich der 1962 geborene Grünbein hier bewegt, sich erinnernd und mittels Schrift die eigene Kindheit noch einmal ein Stückchen auszudehnen. Durs Grünbein war ein Einzelkind, ein Träumer, ein Imaginierer, recht undurchschaubar, ideologisch ungefestigt, groß geworden in einem gesellschaftlich enthaltsamen Elternhaus. Weiterlesen

2015 verweht – 2016 sehn wir uns wieder

2015: was für ein Jahr für Wist – Der Literaturladen. Annus mirabilis, würde die Queen sagen. 25jähriges Jubiläum des Buchladens, 25 aufregende Lesungen im Buchladen, immer Montags, Auszeichnung „Besonders herausragende Buchhandlung“ beim Deutschen Buchhandlungspreis 2015, viel Vergnügen, viel Champagner. Alles wohlverdient, Wist war seines Glückes Schmied. Nicht zu vergessen: Carsten Wist hat mit seinem jungen Kollegen Felix Palent einen kongenialen Partner gefunden. Immer noch nicht außer Atem, à bout de souffle, spricht Carsten über seine Besten. Den Freunden des Literaturladens Frohe Weihnachten und ein Glückliches Neues Jahr 2016.

Buchempfehlung: Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“

Zeit haben, zuhören, helfen

von Carsten Wist

Der neue Roman von Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“ ist das Buch der Stunde. Sie thematisiert die dramatischen Geschehnisse um die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Das ist hochaktuell und brisant. Erpenbeck hat einen Roman geschrieben, keinen Essay, keine Reportage. Die Gefahr, dass derartig engagierte Literatur jedoch mitunter zu absichtsvoll wird und zu moralinen Leseverstimmungen führt, umschifft Erpenbeck. Dafür ist sie zu gut, viel zu gut, dafür kann sie zu viel, nämlich gut erzählen. Weiterlesen

Also spricht Wist: Ferienzeit, was lesen?

Die literarischen Frühjahrsmessen sind gesungen, bis zu den Herbstmessen dauert es noch. Die Hundstage kommen und gehen, die Ferienzeit beginnt. Was kann man mitnehmen? Also spricht Wist und empfiehlt:

P.S. noch ein kleiner Einwand gegen den literarischen Berserker Rainald Goetz. Michel Houellebecq ist nie unerbittlich gegen seine Figuren, auch wenn er sie schonungslos ausleuchtet; er verurteilt sie nicht. Rainald Goetz dagegen ist Richter und Scharfrichter (Othmar Kaufmann)

Buchempfehlung: Haruki Murakamis frühe Romane

Wildes Murakami-Flippern

von Carsten Wist

Für die unzähligen Leser und Fans des 1949 in Kyoto geborenen Haruki Murakami ist das Erscheinen der beiden ersten, bis dahin noch nicht veröffentlichten Romane des japanischen Autors jetzt schon die Sternstunde des Literaturjahres 2015. Jetzt endlich liegen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ vor. Murakami hat die Milde gegenüber seinen Anfängertexten aufgebracht und sie nach fast vier Jahrzehnten freigegeben. In einem erhellenden Vorwort erzählt Murakami, wie er überhaupt zum Schreiben kam: Es war im April 1978, er saß im Tokioter Jingu-Stadion und sah ein Baseball Spiel. Als Dave Hilton einen Two-Base-Hit schlug, gab es diesen satten, schönen Ton, als der Schläger den Ball traf. Und genau in diesem Moment kam Murakami der Gedanke, er könne vielleicht einen Roman schreiben. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er in einer Jazzbar, konnte also nur tief in der Nacht am Küchentisch schreiben. Das tat er, um seinen eigenen Stil zu finden, erst auf Englisch, hier waren seine Sätze kürzer, einfacher, weniger ausschweifend. Murakami übersetzte seine Texte dann ins Japanische zurück. Weiterlesen

25 Jahre und kein Gnadenschuss

Im Hans Otto Theater nach der Premiere von „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“. Carsten Wist bereitet uns auf den Höhepunkt des Jubeljahres vor. Am 4. September 2015, 18.00 Uhr, wird in der Reithalle des HOT in der Schiffbauergasse die große Geburtstagsfeier steigen. Vorwärts und nicht vergessen! Wir wünschen den Freunden des Literaturladens einen schönen Sommer, sei es auf Hiddensee, in Rom, Palermo, rund um den Bodensee oder anderwo.

Buchempfehlung: T.C. Boyle „Hart auf Hart“

Die amerikanische Seele ist verhärtet

von Carsten Wist

Der 1948 geborene T. C. Boyle ist in vielen Jahrzehnten mit seinen unzähligen Romanen zu einem erzählerischen Schwergewicht in der amerikanischen Literatur geworden. Boyle ist ein süchtiger, ein geschichtensüchtiger Romancier, der nahezu besessen fast jedes Jahr mit einem seitenstarken Werk aufwartet. Soeben ist unter dem Titel „Hart auf hart“ sein neuestes Buch erschienen, mit dem er seine Chronik der amerikanischen Seelen- und Freiheitsgeschichte fortschreibt.
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Buchempfehlung: Michel Houellebecq „Unterwerfung“

Literatur, kein Manifest!

von Carsten Wist

Ist es überhaupt möglich, den Roman von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ nach den schrecklichen Ereignissen um „Charlie Hebdo“ in Paris unvoreingenommen zu lesen? Hat man nicht vielmehr auch das Gefühl, diesen Roman ohne Kenntnis einer Zeile durch die ungemein ausführliche und sich überschlagende Berichterstattung über Buch und Autor, bereits gelesen zu haben?

Deshalb gleich vorweg : „Unterwerfung“ ist für jeden Literaturinteressierten ein Muß. Michel Houellebecq hat einen großartigen Roman geschrieben, vielleicht sogar seinen besten, der ist von hoher literarischer Qualität, sprudelt vor geistvollen Einfällen, ist voller Phantasie und hat Ironie und Witz. Im Mittelpunkt steht Francois, ein Mittvierziger, ein Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne, der sich vorrangig mit dem französischen Autor der Dekadenz Karl-Joris Huysmans beschäftigt. Und so startet Houellebecq in seinem Roman gleich mit einer Breitseite gegen den entsetzlichen und immer geistloser werdenden Unibetrieb auf der einen Seite und einer übergroßen, hingebungsvollen Liebeserklärung an die Literatur und deren Möglichkeiten auf der anderen Seite. Weiterlesen