Buchempfehlung: Lorenz Jägers Benjamin-Biographie

»Der Sommer rückte mich an die Hohenzollern heran.«

von Mathias Iven

Es gibt – wie sollte es bei so einem wichtigen Denker anders sein – schon einige, dem Leben von Walter Benjamin gewidmete Biographien. Die jüngste, sehr lesenswerte Arbeit stammt von Lorenz Jäger, ehemals Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seiner Darstellung erhebt Jäger den Anspruch, »Benjamins Entscheidungen in jeder Lebensepoche nachzuzeichnen – die religiösen, die philosophischen, die ästhetischen und die politischen«. Ausgangspunkt ist ihm dabei das familiäre Umfeld.

Durch die Anstellung des Vaters im Berliner Kunstauktionshaus Lepke kam Walter Benjamin schon früh mit den Fragen nach Original, Kopie, Fälschung oder Reproduktion in Berührung. Jäger sieht hier den entscheidenden Ansatz für Benjamins Überlegungen zum Begriff der »Aura«, der erstmals im Dezember 1927 in den zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten »Protokollen zu Drogenversuchen« auftauchte und bis heute – zumal durch die Verwendung in unterschiedlichen Kontexten – zu den am meisten diskutierten, wenn auch nicht von ihm, sondern aus der mystischen Tradition stammenden Begrifflichkeiten in Benjamins Werk gehört. – So charakterisierte er in dem 1931 publizierten Artikel »Kleine Geschichte der Photographie« und in seinem großen, 1936 in der »Zeitschrift für Sozialforschung« erschienenen Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Aura als ein »sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«. Und in seiner Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« ergänzte er 1939: »Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.« Oder anders ausgedrückt: es geht um die Echtheit, Einmaligkeit und zugleich Unnahbarkeit von Objekten und ihrer Wahrnehmung.
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Buchempfehlung: Einblicke in das Leben Constantin Brunners

Denken mit dem Blick auf die Havel

von Mathias Iven

In einem der jüngsten Bände der von Hermann Simon im Verlag Hentrich & Hentrich herausgegebenen Reihe »Jüdische Miniaturen« stellt der Philosoph und Schopenhauer-Biograph Robert Zimmer eine fast schon vergessene, mit Potsdam in Beziehung stehende Geistesgröße vor: Constantin Brunner.

Der 1862 in Altona als Arjeh Yehuda Wertheimer geborene Brunner gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Intellektuellen in Deutschland. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Köln studierte er ab 1884 zunächst in Berlin und dann in Freiburg Philosophie und Geschichte. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Wilhelm Dilthey und Paul Deussen sowie Alois Riehl, der ihn maßgeblich prägte. 1890 beendete er seine Studien, ohne einen akademischen Abschluss erlangt zu haben. Brunner kehrte nach Hamburg zurück und eröffnete dort ein »Litterarisches Vermittlungsbüro«, das Schriftstellern bei der Verwertung ihrer Werke helfen sollte. In den kommenden vier Jahren war er zugleich Mitherausgeber einer Zeitschrift. Das in dieser Zeit für seine Artikel von ihm häufig benutzte Pseudonym »Constantin Brunner« sollte er später als bürgerlichen Namen eintragen lassen. Weiterlesen

Buchempfehlung: Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

Ferrante macht eben süchtig

von Carsten Wist

Viel spannender als die vermeintliche Aufdeckung, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verberge, ist doch die Frage, ob die literarische Qualität, die die Autorin im ersten Buch „Meine geniale Freundin“ vorgelegt hat, auch im 2. Teil gehalten werden kann. Eindeutige Antwort: Ja!, denn „Die Geschichte eines neuen Namens“, so heißt der zweite Band, knüpft nahtlos an die Vorzüge des ersten Romans an. Als da sind: die realistische Darstellungsweise in einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit, der tiefenpsychologische Blick auf die Figuren, ihre Bewegungs- und Handlungsgründe und das farbenfrohe Zeichnen eines vielschichtigen neapolitanischen Gesellschaftspanoramas der 50er und 60er Jahre mit einem großen Figurenensemble. Und das alles auch noch mit einem Höchtsgrad an Unterhaltsamkeit.
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Buchempfehlung: Prominente in Potsdam

»… daß gantze Eylandt mus ein paradis werden …«

Potsdamer Berühmtheiten im Blick

von Mathias Iven

Vor gut zehn Jahren hat der be.bra verlag die Reihe „Prominente in …“ begonnen. Zunächst beschränkte man sich auf Berlin. Es erschienen Bände zu den Stadtbezirken Dahlem, Lichterfelde, Pankow, Friedenau, Wannsee, Grunewald und Westend. 2015 ging man über die Grenzen der Hauptstadt hinaus und präsentierte Dresdner Prominente. Und nun: Potsdams Berühmtheiten.

Der seit 1995 in Berlin lebende Stuttgarter Gerhard Drexel hat die Landeshauptstadt und ihre Geschichte gründlich studiert. Beginnend in der Bronzezeit führt er seine Leser zunächst durch die Jahrhunderte und zeichnet auf knapp 30 Seiten die wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung bis in die heutige Zeit nach. Dass er der Babelsberger Filmindustrie dabei ein eigenes Kapitel widmet, ist mit Blick auf mehr als 100 Jahre Filmgeschichte nur zu verständlich. Weiterlesen

Buchempfehlung: Lukas Bärfuss „Hagard“

NO RISK, NO FUN

von Felix Palent

Nehmen wir als Ausgangspunkt die Abbildung auf dem Schutzumschlag: Sie zeigt eine Menschenmenge auf einer Treppenanlage in einem Transitbereich. Viele haben eine Tasche bei sich – haben also einen Weg -, Alle bewegen sich in dieselbe Richtung, dem Lichtschein am oberen Ende der Treppenanlage entgegen. Zwei Menschen ragen aus der in gedeckten Farben gekleideten Menge heraus, sie tragen rot. Wenn man nun den Blick auf diese Menge richtet und den eigenen Großstadt-Wahrnehmungs-Modus überlistet, ja, ist es dann nicht so, dass jeder Mensch aus dieser Menge mit seinem individuellen Leben das eigene in Zweifel setzt? Oder zumindest die Einzigartigkeit eines jeden Lebens betont? Und damit darauf hinweist, dass dein Leben, wie du es gerade lebst, eben auch ganz anders hätte verlaufen können? Weiterlesen

Buchempfehlung: Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

„Dies ist ein Buch, dem jeder sich selbst hinzufügt“

von Felix Palent

Leuchtende Worte – Kaskaden des Glanzes. Dieses Buch ist wie die Sommersonne am wolkenlosen Himmel. Blendend, eine Behauptung, gleichermaßen beeindruckend in seiner Kraft und seiner Gleichförmigkeit.

Im neuen Roman von Zsuzsa Bánk geschieht so wenig, was das Wort Handlung rechtfertigen würde. Er ist zu Beginn genauso wie in der Mitte und am Ende. Gewissermaßen liegt das bereits in der Struktur des Buches begründet: Hier schreiben sich zwei sehr gute Freundinnen E-Mails, nicht nur sporadisch zum Informationsaustausch, sondern alle paar Tage. Sie halten nicht nur Kontakt, sondern diese beiden pflegen eine Freundschaft. Die Schriftstellerin Márta lebt in Frankfurt am Main mit drei Kindern und einem abwesenden Chaosmann, sie versucht beständig ihr „Lebensachteck aus Supermarkt, Fußballplatz, Kinderarzt, Schülerladen, Kita, Schule, Gemüsehändler und einer Nische Schreibtisch“ auszutarieren. Johanna hingegen hat sich vom Lebenstumult in den Schwarzwald zurückgezogen. Sie lebt allein – oder, um es mit Zsuzsa Bánk zu sagen: „Sie besetzt ihr Leben immer nur mit sich“. Neben ihrem Lehreralltag schwimmt sie im „Drostewortmeer“, schreibt eine Dissertation über Annette von Droste-Hülshoff, hilft im „Geheimen Garten“, dem Blumenladen ihrer Freundin Kathrin. Weiterlesen

Buchempfehlung: Die Briefe und Buchbesprechungen von Hermann Hesse

»So freue ich mich auf die Lektüre sehr … «
Hermann Hesse schreibt an und über Hans Fallada

von Mathias Iven

Jüngste Schätzungen besagen, dass Hermann Hesse bis zu 40.000 Briefe in seinem Leben geschrieben haben soll. Einer der besten Kenner dieser Hinterlassenschaft ist Volker Michels. Im Rahmen der von ihm herausgegebenen, auf zehn Bände angelegten Edition der Gesammelten Briefe erschien unlängst der mittlerweile vierte Band, der Schreiben aus den Jahren 1924 bis 1932 versammelt.

Für Hesse, der seit 1919 im Schweizerischen Montagnola lebte, waren es Jahre des »Werdens und der Wandlungen« – vor allem im privaten Bereich. 1923 trennte er sich von seiner Frau Mia, schon im Jahr darauf heiratete er in zweiter Ehe die Sängerin und Malerin Ruth Wenger. Nur drei Jahre sollte diese Verbindung halten. In einem kurz nach Erhalt der Scheidungsklage im März 1927 geschriebenen Brief war zu lesen: „Der Beweis, daß man mit einem Menschen wie mir unmöglich leben könne, und daß ich durch und durch minderwertig und lebensunfähig sei, wurde der Frau [Ruth Wenger] nicht schwer – ihre Klageschrift besteht zum weitaus größten Teil aus Stellen meiner eigenen Schriften, dem Kurgast, der Nürnberger Reise etc.“ – Ein drittes Mal trat Hesse 1931 vor den Traualtar: Ninon Dolbin sollte bis zu Hesses Tod im Jahre 1962 an dessen Seite bleiben. Weiterlesen

Buchempfehlung: Hannah Arendt „Schreib doch mal ‚hard facts‘ über dich“

Zwei Philosophen in Nowawes

Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders

von Mathias Iven

Am 26. September 1929 gaben sie sich im Standesamt von Nowawes, dem heutigen Kulturhaus Babelsberg, das Jawort. Die Rede ist von Hannah Arendt und Günther Stern, der seit Anfang der dreißiger Jahre seine Artikel unter dem heute bekannteren Namen „Günther Anders“ veröffentlichte. Nur wenige Wochen zuvor hatten die beiden eine kleine Wohnung in der damals zu Nowawes gehörenden Merkurstraße bezogen. Bereits im Frühjahr 1930 übersiedelte das Paar nach Frankfurt am Main, später zogen sie nach Berlin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierten sie nach Paris.

Acht Jahre lang waren sie verheiratet. Im September 1937 – Anders lebte inzwischen in den USA – wurde die Ehe aufgehoben. In den Unterlagen dazu findet sich die lapidare Bemerkung: „Durch das am 8. September 1937 rechtskräftig gewordene Urteil des Landgerichts in Berlin ist die Ehe zwischen Günt[h]er Siegmund Stern und der Johanna Stern, geborene Arendt geschieden worden.“ Weiterlesen

Buchempfehlung: Connie Palmen „Du sagst es“

Maximalpulsliteratur!

von Carsten Wist

Als Sylvia Plath sich 1963 das Leben nahm, gerade einmal 40 Jahre alt, war mit ihrem Ehemann Ted Hughes für viele der Schuldige schnell gefunden. Die Nachwelt, die Biographen Sylvia Plaths und die Literaturweltdeuter bestätigten später das Soforturteil und machten Ted Hughes zum Sündenbock, zum ehebrecherischen Lügner und heuchlerischen Verräter, zum Mörder eines Genies. Sylvia Plath wurde ikonisch verehrt, Ted Hughes verdammt. Er hat dazu geschwiegen, bis zu seinem Tod 1998. Und nun geht die niederländische Autorin Connie Palmen das große Wagnis ein, die fiktive Autobiographie Ted Hughes zu schreiben. Sie gibt ihm eine Erzählstimme, zwingt ihn, endlich ICH zu sagen und damit von seinem Leben mit Sylvia Plath zu erzählen. Das hat so eine Kraft, ist hochdramatisch, Maximalpulsliteraur, hingeworfenach, was sag ich hingeknallt, diese unglaublich starken Sätze, diese klug-weitsichtigen Reflexionen, diese exzessive Liebes-Todes-Passion.


1956 lernt der Engländer Ted Hughes die Amerikanerin Sylvia Plath kennen, sie erbeuten einander, sie küßt nicht, sie beißt, sie fallen übereinander her, wild, gefährlich, ein Liebesduell. Sie ist es. Für ihn. Dieses Gefäß voll Gift, dieser Tanz mit der Rachegöttin, dieser Liebe- und Haß-Reigen. Zwei Künstlerseelen, denen Schreiben mehr bedeutet als Leben, zuerst die Bücher und Ruhm, dann Baby und Steaks ist ihr Motto. Schnell geheiratet. Das amerikanische Frauchen Sylvia und der gefeierte englische Dichter. Sie holt schreibend auf. Sie werden das Liebespaar der modernen Literatur, von der Öffentlichkeit beobachtend seziert. Doch hinter den geschlossenen Türen, in den Köpfen der beiden brodelt es. Die Angst schreibend zu versagen ist groß, Sylvia trägt an dem frühen Tod ihres Vaters schwer, ein früher Selbstmordversuch scheitert, ihr Wunsch zu ihm zu wollen ist immer vorhanden. Das Verhältnis zu ihrer dominanten Mutter ist fragil. Sylvia Plath ist von Angstattacken getrieben, sie hat Depressionen, ist von Dämonen besetzt. Das Paar versucht sich gegenseitig zu stützen, ein Kampf um Halt, doch sie stürzen, stehen wieder auf. 6 Jahre Ehe, zwei Kinder. Am Ende ist viel zerschlagen, verstümmelt und verkrüppelt. Und als die eh hochgradig Eifersüchtige von seiner Affäre erfährt, trennen sie sich. Obwohl sie wieder in die Lebensbalance zu kommen scheint, nimmt sie sich wenig später den Tod.
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