Buchempfehlung: Unterwegs auf den Spuren von Dichtern und Schriftstellern in Brandenburg und Berlin

»Die märkische Erde nahm uns an …«

von Mathias Iven

und so erging es nicht nur Gerhart Hauptmann. Immer wieder zog und zieht es Schriftsteller in die Mark. Mittlerweile gibt es eine stattliche Anzahl von Veröffentlichungen zu dieser Thematik. Hervorzuheben sind hier besonders die beiden Bücher »Dichterland Brandenburg. Literarische Streifzüge zwischen Havel und Oder« von Werner Liersch sowie der von Peter Walther herausgegebene Band »Märkische Dichterlandschaft. Ein illustrierter Literaturführer durch die Mark Brandenburg«.

Auch der in Schöneiche bei Berlin lebende Rolf Schneider verfolgt seit Jahren die Spuren, die seine Berufskollegen in der Mark hinterlassen haben. Einiges dazu fand sich bereits 2010 in der Begleitpublikation zur gleichnamigen Reihe des rbb »20x Brandenburg Menschen, Orte, Geschichten«. Weit umfassender widmet er sich diesem interessanten Thema in seinem neuen, unlängst im be.bra verlag erschienenen Buch »Literatouren durch Brandenburg«.

Gemeinsam mit seiner Tochter, die die Photographien für den Band beigesteuert hat, ist Schneider kreuz und quer durch Brandenburg gereist. Insgesamt 17 Touren führen den Leser vom Norden, wo man das Tucholsky-Literaturmuseum im Rheinsberger Schloss oder Fontanes Geburtsstadt Neuruppin besuchen sollte, in den Süden, so nach Schloss Wiepersdorf zu den Arnims oder nach Bohsdorf, dem Handlungsort von Strittmatters Romantrilogie »Der Laden«. Es geht in den Osten nach Frankfurt/Oder, Bad Freienwalde oder Buckow zu Heinrich von Kleist, Walther Rathenau oder Bertolt Brecht. Und schließlich kann man sich im Westen in Loriots Heimatstadt Brandenburg umschauen oder die dem Malerpoeten Roger Loewig gewidmete Gedenkstätte in Bad Belzig aufsuchen. Doch das ist längst nicht alles … Weiterlesen

Mit Ingo Schulze und „Peter Holtz“ in der Bibliothek

Fotos: Harald Hirsch

 

Das war der Theaterseptember im Literaturladen

Michael Schindhelm ist am 11. September mit seinem Roman „Letzter Vorhang“ im Literaturladen zu Gast gewesen. Und Deutschlands meistgespielter Dramatiker Roland Schimmelpfennig hat am 21. September seinen zweiten Roman „Die Sprache des Regens“ vorgestellt.

Fotos: Michael Lüder

Buchempfehlung: Adolf Muschg „Der weisse Freitag“

Anlässlich von Goethes 268. Geburtstag am 28. August 2017

eine Rezension von Mathias Iven

Auf der Suche nach einem gelingenden Leben

Drei Mal reiste Goethe in die Schweiz. Im Sommer 1775 wollte er nicht nur den gesellschaftlichen Zwängen seines bisherigen Lebens in Frankfurt entfliehen, er war vor allem auf der »Suche nach einem Land, wo zwangloser zu leben war und der Adel der Seele mehr galt als derjenige der Geburt«. Zugleich stellte er sich aber auch die Frage »Wer bin ich?«. Die zweite Reise, vier Jahre darauf, war gleichfalls eine von Zweifeln überschattete Flucht: »Was soll ich in Weimar, was habe ich in der Welt verloren?« Goethes Weg zu einem selbstbestimmten Leben, zu einer tragfähigen Identität schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Ganz anders 1797. Der fast Fünfzigjährige reiste jetzt als Staatsmann und arrivierter Künstler. Geleitet wurde er ausschließlich von dem »Bedürfnis nach Vergewisserung seiner selbst«.

Adolf Muschg, ausgewiesener Kenner von Goethes Werk, hat sich bereits vor über einem Jahrzehnt mit dessen Schweizer Reisen beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch »Der weiße Freitag« ist er noch einmal darauf zurückgekommen. Doch dieses Mal geht es nicht mehr allein um Goethe, sondern vor allem um Muschg selbst. Eine neuerliche Krebs-Diagnose, ein Treppensturz, ein Krankenhausaufenthalt – all dies war innerhalb weniger Monate zusammengekommen. Im Spital gibt ihm der elfte Band der 1808 bei Cotta erschienenen Goethe-Ausgabe, enthaltend die »Briefe aus der Schweiz«, das Gefühl, »in einer klinischen Umgebung auf vertrautem Boden zu stehen«. Weiterlesen

„Ikarus“ – Eine Erzählung von Ferenc Liebig

IKARUS

Eine Erzählung von Ferenc Liebig

Nachdem die Kreatur abgestürzt war, auf dem staubigen Boden lag, mit seinen gewaltigen Flügeln, rannte der Junge aufgeregt nach Hause, riss die Wohnwagentür auf und erzählte seinem Vater, wie dieser Vogelmensch nach unten trudelte, einem verhedderten Fallschirmspringer gleich, doch der Vater sagte nur, schau nicht so viel fern und verschwand kopfschüttelnd in der Badnische. Der Junge holte die Schubkarre aus dem Verschlag, sprintete zurück zum Feld und drehte die Kreatur auf den Rücken. Es handelte sich um eine junge Frau, die zu seiner Überraschung keine äußerlichen Verletzungen davon getragen hatte. Schüchtern berührte er ihre Haut, legte sie so, dass er die Flügel genauer untersuchen konnte. Weiß waren sie, samtig, die Federn dicht aneinandergereiht und wie er sie inspizierte, kam ihm die Idee, von der er selbst nicht recht wusste, ob sie funktionieren würde. Mit aller Kraft hievte er die Kreatur in die Schubkarre und mühte sich über den sandigen Weg. Ein Engel, dachte er, stellte die Schubkarre ins Dickicht und schlich in die Küche. Mit Schere und Paketklebeband ging er wieder nach draußen.

 

aus: Ferenc Liebig „Die Guten werden gehen“, 148 Seiten, epubli Verlag, 9,99€

Buchempfehlung: Lorenz Jägers Benjamin-Biographie

»Der Sommer rückte mich an die Hohenzollern heran.«

von Mathias Iven

Es gibt – wie sollte es bei so einem wichtigen Denker anders sein – schon einige, dem Leben von Walter Benjamin gewidmete Biographien. Die jüngste, sehr lesenswerte Arbeit stammt von Lorenz Jäger, ehemals Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seiner Darstellung erhebt Jäger den Anspruch, »Benjamins Entscheidungen in jeder Lebensepoche nachzuzeichnen – die religiösen, die philosophischen, die ästhetischen und die politischen«. Ausgangspunkt ist ihm dabei das familiäre Umfeld.

Durch die Anstellung des Vaters im Berliner Kunstauktionshaus Lepke kam Walter Benjamin schon früh mit den Fragen nach Original, Kopie, Fälschung oder Reproduktion in Berührung. Jäger sieht hier den entscheidenden Ansatz für Benjamins Überlegungen zum Begriff der »Aura«, der erstmals im Dezember 1927 in den zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten »Protokollen zu Drogenversuchen« auftauchte und bis heute – zumal durch die Verwendung in unterschiedlichen Kontexten – zu den am meisten diskutierten, wenn auch nicht von ihm, sondern aus der mystischen Tradition stammenden Begrifflichkeiten in Benjamins Werk gehört. – So charakterisierte er in dem 1931 publizierten Artikel »Kleine Geschichte der Photographie« und in seinem großen, 1936 in der »Zeitschrift für Sozialforschung« erschienenen Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Aura als ein »sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«. Und in seiner Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« ergänzte er 1939: »Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.« Oder anders ausgedrückt: es geht um die Echtheit, Einmaligkeit und zugleich Unnahbarkeit von Objekten und ihrer Wahrnehmung.
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Buchempfehlung: Einblicke in das Leben Constantin Brunners

Denken mit dem Blick auf die Havel

von Mathias Iven

In einem der jüngsten Bände der von Hermann Simon im Verlag Hentrich & Hentrich herausgegebenen Reihe »Jüdische Miniaturen« stellt der Philosoph und Schopenhauer-Biograph Robert Zimmer eine fast schon vergessene, mit Potsdam in Beziehung stehende Geistesgröße vor: Constantin Brunner.

Der 1862 in Altona als Arjeh Yehuda Wertheimer geborene Brunner gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Intellektuellen in Deutschland. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Köln studierte er ab 1884 zunächst in Berlin und dann in Freiburg Philosophie und Geschichte. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Wilhelm Dilthey und Paul Deussen sowie Alois Riehl, der ihn maßgeblich prägte. 1890 beendete er seine Studien, ohne einen akademischen Abschluss erlangt zu haben. Brunner kehrte nach Hamburg zurück und eröffnete dort ein »Litterarisches Vermittlungsbüro«, das Schriftstellern bei der Verwertung ihrer Werke helfen sollte. In den kommenden vier Jahren war er zugleich Mitherausgeber einer Zeitschrift. Das in dieser Zeit für seine Artikel von ihm häufig benutzte Pseudonym »Constantin Brunner« sollte er später als bürgerlichen Namen eintragen lassen. Weiterlesen

Mit Marcel Reif im Waschhaus: Sprache, Fußball und mehr

 

Fotos: Harald Hirsch

Buchempfehlung: Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

Ferrante macht eben süchtig

von Carsten Wist

Viel spannender als die vermeintliche Aufdeckung, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verberge, ist doch die Frage, ob die literarische Qualität, die die Autorin im ersten Buch „Meine geniale Freundin“ vorgelegt hat, auch im 2. Teil gehalten werden kann. Eindeutige Antwort: Ja!, denn „Die Geschichte eines neuen Namens“, so heißt der zweite Band, knüpft nahtlos an die Vorzüge des ersten Romans an. Als da sind: die realistische Darstellungsweise in einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit, der tiefenpsychologische Blick auf die Figuren, ihre Bewegungs- und Handlungsgründe und das farbenfrohe Zeichnen eines vielschichtigen neapolitanischen Gesellschaftspanoramas der 50er und 60er Jahre mit einem großen Figurenensemble. Und das alles auch noch mit einem Höchtsgrad an Unterhaltsamkeit.
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Buchempfehlung: Prominente in Potsdam

»… daß gantze Eylandt mus ein paradis werden …«

Potsdamer Berühmtheiten im Blick

von Mathias Iven

Vor gut zehn Jahren hat der be.bra verlag die Reihe „Prominente in …“ begonnen. Zunächst beschränkte man sich auf Berlin. Es erschienen Bände zu den Stadtbezirken Dahlem, Lichterfelde, Pankow, Friedenau, Wannsee, Grunewald und Westend. 2015 ging man über die Grenzen der Hauptstadt hinaus und präsentierte Dresdner Prominente. Und nun: Potsdams Berühmtheiten.

Der seit 1995 in Berlin lebende Stuttgarter Gerhard Drexel hat die Landeshauptstadt und ihre Geschichte gründlich studiert. Beginnend in der Bronzezeit führt er seine Leser zunächst durch die Jahrhunderte und zeichnet auf knapp 30 Seiten die wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung bis in die heutige Zeit nach. Dass er der Babelsberger Filmindustrie dabei ein eigenes Kapitel widmet, ist mit Blick auf mehr als 100 Jahre Filmgeschichte nur zu verständlich. Weiterlesen