Buchempfehlung: Elena Ferrante „Die Geschichte eines neuen Namens“

Ferrante macht eben süchtig

von Carsten Wist

Viel spannender als die vermeintliche Aufdeckung, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verberge, ist doch die Frage, ob die literarische Qualität, die die Autorin im ersten Buch „Meine geniale Freundin“ vorgelegt hat, auch im 2. Teil gehalten werden kann. Eindeutige Antwort: Ja!, denn „Die Geschichte eines neuen Namens“, so heißt der zweite Band, knüpft nahtlos an die Vorzüge des ersten Romans an. Als da sind: die realistische Darstellungsweise in einer beeindruckenden sprachlichen Klarheit, der tiefenpsychologische Blick auf die Figuren, ihre Bewegungs- und Handlungsgründe und das farbenfrohe Zeichnen eines vielschichtigen neapolitanischen Gesellschaftspanoramas der 50er und 60er Jahre mit einem großen Figurenensemble. Und das alles auch noch mit einem Höchtsgrad an Unterhaltsamkeit.
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Buchempfehlung: Connie Palmen „Du sagst es“

Maximalpulsliteratur!

von Carsten Wist

Als Sylvia Plath sich 1963 das Leben nahm, gerade einmal 40 Jahre alt, war mit ihrem Ehemann Ted Hughes für viele der Schuldige schnell gefunden. Die Nachwelt, die Biographen Sylvia Plaths und die Literaturweltdeuter bestätigten später das Soforturteil und machten Ted Hughes zum Sündenbock, zum ehebrecherischen Lügner und heuchlerischen Verräter, zum Mörder eines Genies. Sylvia Plath wurde ikonisch verehrt, Ted Hughes verdammt. Er hat dazu geschwiegen, bis zu seinem Tod 1998. Und nun geht die niederländische Autorin Connie Palmen das große Wagnis ein, die fiktive Autobiographie Ted Hughes zu schreiben. Sie gibt ihm eine Erzählstimme, zwingt ihn, endlich ICH zu sagen und damit von seinem Leben mit Sylvia Plath zu erzählen. Das hat so eine Kraft, ist hochdramatisch, Maximalpulsliteraur, hingeworfenach, was sag ich hingeknallt, diese unglaublich starken Sätze, diese klug-weitsichtigen Reflexionen, diese exzessive Liebes-Todes-Passion.


1956 lernt der Engländer Ted Hughes die Amerikanerin Sylvia Plath kennen, sie erbeuten einander, sie küßt nicht, sie beißt, sie fallen übereinander her, wild, gefährlich, ein Liebesduell. Sie ist es. Für ihn. Dieses Gefäß voll Gift, dieser Tanz mit der Rachegöttin, dieser Liebe- und Haß-Reigen. Zwei Künstlerseelen, denen Schreiben mehr bedeutet als Leben, zuerst die Bücher und Ruhm, dann Baby und Steaks ist ihr Motto. Schnell geheiratet. Das amerikanische Frauchen Sylvia und der gefeierte englische Dichter. Sie holt schreibend auf. Sie werden das Liebespaar der modernen Literatur, von der Öffentlichkeit beobachtend seziert. Doch hinter den geschlossenen Türen, in den Köpfen der beiden brodelt es. Die Angst schreibend zu versagen ist groß, Sylvia trägt an dem frühen Tod ihres Vaters schwer, ein früher Selbstmordversuch scheitert, ihr Wunsch zu ihm zu wollen ist immer vorhanden. Das Verhältnis zu ihrer dominanten Mutter ist fragil. Sylvia Plath ist von Angstattacken getrieben, sie hat Depressionen, ist von Dämonen besetzt. Das Paar versucht sich gegenseitig zu stützen, ein Kampf um Halt, doch sie stürzen, stehen wieder auf. 6 Jahre Ehe, zwei Kinder. Am Ende ist viel zerschlagen, verstümmelt und verkrüppelt. Und als die eh hochgradig Eifersüchtige von seiner Affäre erfährt, trennen sie sich. Obwohl sie wieder in die Lebensbalance zu kommen scheint, nimmt sie sich wenig später den Tod.
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Buchempfehlung: André Kubiczek „Skizze eines Sommers“

Ran an die Platten von Damals!

von Carsten Wist

André Kubiczek macht erneut seinen Geburtsort Potsdam zu einem literarischen Ort. Diesmal ist es jedoch nicht „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ 1990, sondern der Autor geht zurück in das Jahr 1985. Es ist Sommer. “Skizze eines Sommers“, so heißt Kubiczeks Roman, ist jedoch weit mehr als eine hingeworfene Skizze, es ist ein großformatiges Sittenbild von fast 400 Seiten geworden.
Kubiczek hat mit dem Ich-Erzähler Rene eine so sympathisch-anarchische Figur entwickelt, dass diese Zeit vor 30 Jahren wieder enorm lebendig wird. Rene wohnt im Neubaugebiet am Stern, zur Mittwochsdisco geht man ins „Orion“, durch die Stadt fährt man mit Tatra-Straßenbahnen, man raucht „Club“, zum Trinken geht man in die „Seerose“. Aber meistens hängen Rene und seine Freunde Michael, Mario und Dirk im verschrieenen magisch-mythischen „Cafe Heider“ ab, dieser asozial subversiven Spelunke. Die Schule kriegen sie irgendwie hin, in den Sülz- und Schwafelfächern fliegen sie mit viel Ironie unter dem Lehrerradar durch und ihre Eltern wissen nicht so genau, wie die Kids so drauf sind, sie verdrehen die Augen ob der auffälligen Klamotten und der lauten Musik. Apropos Musik, die einzelnen Romanteile beginnen mit Zitaten von Bands wie „Prefab Sprout“ oder „Simple Minds“. Rene hat einen Doppelkassettenrekorder im Dauereinsatz. Doch dann sind da ja noch die Bücher, viel mehr die Helden, die verschrobenen, die angebeteten, die dekadenten Autoren von Baudelaire, über Rimbaud bis Verlaine. Es lebe die Melancholie, es lebe die Dekadenz! So denken, so schreiben können, so aussehen, so leben – das wollten sie. In der DDR?!

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Buchempfehlung: Juli Zeh „Unterleuten“

Intrigieren, Koalieren, Antichambrieren, Reanimieren, Kokettieren, Stimulieren, Anschmieren

von Carsten Wist

Da zog es sie einst mit Lust aufs Land, auf der Suche nach der idyllischen Alternative zum hektisch-urbanen Großstadtleben. Gerhard, der habilitierte Soziologe, nun der engagierte Vogelbeschützer und seine 20 Jahre jüngere Sophie. Doch nun ist der Sommer nicht nur verdammt heiß, sie werden auch noch von schwarzen, stinkenden Rauchschwaden, die vom Grundstück des dicken Autoschraubers Schaller rüberwehen, eingeräuchert. So beginnt der neue Roman von Juli Zeh.“Unterleuten“ heißt er. Unterleuten ist das fiktive Dorf irgendwo in Brandenburg, in dem die Autorin ihren Roman angesiedelt hat, der so eine Art Versuchsanordnung zum Thema „Leben auf dem Land“ ist. Weiterlesen

Buchempfehlung: Orhan Pamuk „Diese Fremdheit in mir“

Die schwierige Geschichte von einfachen Menschen

von Carsten Wist

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat nach einigen Jahren wieder ein neues Buch vorgelegt. “Die Fremdheit in mir“ ist der Titel. Es ist erneut ein umfangreicher, intensiver und nachhaltiger Gesellschaftsroman geworden. Im Untertitel wird das Geschehen ziemlich genau benannt, es handelt sich hier also auf den knapp 600 Seiten um die „Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karatas und seiner Freunde“ und es ist „ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.“ In sieben Teilen erschafft Pamuk seine Romanwelt. Er erzählt nicht chronologisch.
Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag.
Der 1957 in einem anatolischen Dorf geborene Mevlut, später mit seinem Vater nach Istanbul gehend, entführt ein Mädchen. Die hatte er vor einigen Jahren bei einer Hochzeit kurz gesehen, ihr viele schmachtende Briefe geschrieben. Doch diese Rayiha, mit er jetzt durchbrennt, ist eigentlich die falsche, ihrer Schwester galt doch Mevluts Hingabe. Doch Mevlut ist ein herzensguter Mensch, er lebt jetzt mit der irrtümlich entführten Rayiha glücklich zusammen, sie bekommen zwei Töchter. Mevlut ist ein einfacher Mensch. Er schlägt sich als mobiler Händler irgendwie durch. Doch seine große Leidenschaft ist es am Abend, wenn alle zu Hause sind, mit seinem BOOOZaaa-Ruf noch einmal durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen

Buchempfehlung: Durs Grünbein „Die Jahre im Zoo“

Soo ein Zooerzähler!

von Carsten Wist

Als er noch ein Kind war, wollte er irgendetwas werden, was mit Tieren zu tun hat. Zoodirektor vielleicht. Zum Teil geprägt von des Großvaters beharrlichem Verfolgen der merkwürdigen Radioübertragungen aus dem Zoo, doch vor allem von den vielen vielen Besuchen im Dresdener Zoo. Durs Grünbein ist bekanntermaßen kein Zoodirektor geworden, sondern einer der sprachintensivsten Dichter unserer Gegenwart. “Die Jahre im Zoo“ ist sein neuestes Buch betitelt. Es ist ein autobiographisches Werk geworden, wohlgemerkt: nicht Grünbeins Autobiographie. Ein Kaleidoskop nennt der Autor es, also ein zusammengesetztes, bruchstückhaftes Erinnerungsbuch aus wechselnden Perspektiven beschrieben. Eine Kindheit in Dresden, und ein wenig Jugendzeit noch dazu – das ist die Zeit in der sich der 1962 geborene Grünbein hier bewegt, sich erinnernd und mittels Schrift die eigene Kindheit noch einmal ein Stückchen auszudehnen. Durs Grünbein war ein Einzelkind, ein Träumer, ein Imaginierer, recht undurchschaubar, ideologisch ungefestigt, groß geworden in einem gesellschaftlich enthaltsamen Elternhaus. Weiterlesen

Buchempfehlung: Haruki Murakamis frühe Romane

Wildes Murakami-Flippern

von Carsten Wist

Für die unzähligen Leser und Fans des 1949 in Kyoto geborenen Haruki Murakami ist das Erscheinen der beiden ersten, bis dahin noch nicht veröffentlichten Romane des japanischen Autors jetzt schon die Sternstunde des Literaturjahres 2015. Jetzt endlich liegen „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ vor. Murakami hat die Milde gegenüber seinen Anfängertexten aufgebracht und sie nach fast vier Jahrzehnten freigegeben. In einem erhellenden Vorwort erzählt Murakami, wie er überhaupt zum Schreiben kam: Es war im April 1978, er saß im Tokioter Jingu-Stadion und sah ein Baseball Spiel. Als Dave Hilton einen Two-Base-Hit schlug, gab es diesen satten, schönen Ton, als der Schläger den Ball traf. Und genau in diesem Moment kam Murakami der Gedanke, er könne vielleicht einen Roman schreiben. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er in einer Jazzbar, konnte also nur tief in der Nacht am Küchentisch schreiben. Das tat er, um seinen eigenen Stil zu finden, erst auf Englisch, hier waren seine Sätze kürzer, einfacher, weniger ausschweifend. Murakami übersetzte seine Texte dann ins Japanische zurück. Weiterlesen

Buchempfehlung: Alexander Osang „Comeback“

Die Steine rollen wieder

von Carsten Wist

Als er, verdammt lang ist es her, noch für die Berliner Zeitung schrieb, waren allein seine Artikel ein ausreichender Grund für ein Abo. Dann rief der Spiegel den 1962 Geborenen, er folgte, war viele Jahre der New York-Korrespondent des Blattes und lebt heute wieder in Berlin. Edelfederreporter Osang wechselt aber auch immer wieder mal ins große Erzählfach und hat mit „Die Nachrichten“, „Lennon ist tot“ und „Königstorkinder“ recht erfolgreich Romane verfasst. Weiterlesen

25 Jahre Literaturladen – 1992 Das Jahr der Amerikaner

In der Retrospektive ist das annus mirabilis 1992 der amerikanischen Literatur gewidmet. Carten Wist erzählt, wie er den amerikanischen literarischen Kontinent entdeckt hat. Für ihn liegen die Amerikaner im literarischen Nation Cup weit vorne. Im Literaturladen waren u.a. zu Gast Toni Morrison (noch vor dem Nobelpreis), Paul Auster, Siri Hustvedt, Robert Olmstead.

Weiter mit Teil 2

25 Jahre Wist – Der Literaturladen: Thomas Bernhard Soirée

Thomas Bernhard starb ein Jahr, bevor in Potsdam nach der Wende Wist & Ressel ihren Literaturladen gründen konnten. Trotzdem oder vielleicht deswegen war Thomas Bernhard der literarische Hausgott des jungen Unternehmes.

Mit einem Abend wird er erinnert und gefeiert

Mehr über Erika Schmied und Bernhards Ohrensessel auf 3sat: Erika Schmied – eine literarische Wohnwelt und Erika Schmied nimmt Platz. Die Filmdokumentation machte Siegfried Ressel.

In Teil 2 trägt René Schwittay aus „Holzfällen“ vor und liest Felix Palent aus „Peymann von A – Z“