Buchempfehlung: John Fantes und John Williams‘ Debütromane

Das Erscheinen zweier Autoren, posthum nacherzählt

von Felix Palent

Debütanten sind zittrige Wesen. Angespannt von Schaffenskraft und trotzdem leicht zu verunsichern. Reaktionen auf Debütmanuskripte wollen daher wohldurchdacht sein. Es genügt ein falsches Wort und die Überzeugung des Autors wird von Zweifel und Verdruß aufgezehrt. Es braucht ein ordentliches Maß an Selbstwertgefühl, um einer ersten Absage mit weiteren Einsendungen zu begegnen. Erst recht, wenn positive Resonanz auch danach weiter ausbleibt.

John Fante steckte im Sommer 1936 drei schwere Wirkungstreffer ein – „eher langweilig“, „ausgesprochen große Enttäuschung“ und „extrem provokativ … aber leider nicht für uns“. Nach einem kurzen Arbeitstrotz beförderte er sein Manuskript schließlich doch in die Schublade. Er war damals 25 Jahre alt und hielt sich mit Niederlagen nicht lange auf. Darin glich er wahrscheinlich Arturo Bandini, dem Helden seines nun erstmals auf Deutsch erschienenen Debütromans „Der Weg nach Los Angeles“. Dieser Bandini ist das, was man sich heute gemeinhin unter einem Teenager vorstellt: Ein naives Großmaul, charmant überheblich, grenzenlos leidenschaftlich, immer in Bewegung. Bandinis Welt ist unmissverständlich um ihn selbst zentriert. Er wächst in einem Umfeld verwahrloster Armseligkeit auf, der Vater ist tot, die Mutter arbeitslos, die Schwester strebt nach katholischem Nonnentum. Einzig der 18-jährige Arturo schlägt sich durch verschiedenste Hilfsarbeiterjobs. Doch ein echter Arturo Bandini spürt keinen Schmerz, keinen Druck, keine existentielle Schwere. Nein, ein echter Arturo Bandini sprüht vor gewitztem Tatendrang. Er liest Schopenhauer und Nietzsche (zweifelt in keinem Moment an seiner schriftstellerischen Ebenbürtigkeit), sucht das Direkte, das Spontane. Er ist ein empfindsamer Abenteurer, ein sanfter Draufgänger. Plötzlich hat er lust sich mit einer Rasierklinge die Haut aufzuschlitzen: „Ich holte eine Rasierklinge aus dem Medizinschrank und schnitt mich in den Unterarm – nicht allzu tief, so dass es nur blutete, aber nicht wehtat. Ich saugte an dem Schnitt. Weil ich noch immer keinen Schmerz fühlte, holte ich Salz und rieb es in die Wunde, und das tat richtig weh. Ich fühlte, wie mir das Salz ins Fleisch biss, wie mich der Schmerz befreite und mich zu neuem Leben erweckte. Ich rieb immer weiter, bis ich es nicht mehr aushiehlt.“ Weiterlesen

Buchempfehlung: Karl Ove Knausgard „Im Winter“

Der literarische Espresso
       oder
           Die tägliche Dosis Knausgard

von Felix Palent

Obwohl er am Ende von Kämpfen den Gedanken genießt, dass er nun „kein Schriftsteller mehr ist“, hat Karl Ove Knausgard weiter geschrieben. Nach dem raumgreifenden Erzählen in „Min Kamp“ legt Karl Ove Knausgard nun einen Kurzstrecken-Zyklus vor, das „Jahreszeiten-Projekt“. Mit „Im Herbst“ und „Im Winter“ sind inzwischen zwei von vier „Jahreszeiten-Bänden“ erschienen. Knausgard ist sehr früh aufgestanden und hat sich bis zum Erwachen der Familie einge Stunden Schreibzeit genommen, um seinem damals noch ungeborenen vierten Kind am Schreibtisch die Welt zu zeigen. Gleichzeitig versucht aber auch der Vater, diese Welt nocheinmal anders zu betrachten, nicht mit den abgeklärten Augen des Erwachsenen, sondern den staunenden, unvoreingenommenen Blick des Kindes auf die Welt zu richten. Weiterlesen

Buchempfehlung: Frans Eemil Sillanpää „Jung entschlafen“

Jung entschlafen, intensiv gelebt

von Felix Palent

Der Literaturnobelpreis ist eine Lichtmaschine. Plötzlich erhellt er das Werk eben noch unbekannter Autoren. Diesem Schein folgen Ruhm und Anerkennung. 1939 jedoch konnte der Literaturnobelpreis in Deutschland kein Lichtchen mehr entfachen. Der Preisträger Frans Eemil Sillanpää war als Autor nicht mehr existent. Er richtete 1938 einen offenen Weihnachtsbrief an die drei diktatorischen Heerscher Hitler, Mussolini und Stalin: „Eure Macht reicht nicht weiter als bis zum irdischen Staub.“ Ein politischer Affront, der in Deutschland ein künstlerisches Todesurteil nach sich zog. Der Insel Verlag stampfte die bereits gedruckte Nachauflage des Romans „Silja, die Magd“ ein. 5000 Exemplare waren das, aufgewogen gegen einen Weihnachtsbrief.

Nach 85 Jahren erscheint dieser populärste Roman des bis heute einzigen finnischen Literaturnobelpreisträgers in einer Neuübersetzung im Guggolz Verlag. Man könnte es getrost auch Erstübersetzung nennen. Denn was damals ideologisch gefärbt noch „Silja, die Magd“ hieß, heißt heute originalgetreu und ungekürzt „Jung entschlafen. Eines alten Stammbaums letzter Trieb“. Weiterlesen

Buchempfehlung: Lukas Bärfuss „Hagard“

NO RISK, NO FUN

von Felix Palent

Nehmen wir als Ausgangspunkt die Abbildung auf dem Schutzumschlag: Sie zeigt eine Menschenmenge auf einer Treppenanlage in einem Transitbereich. Viele haben eine Tasche bei sich – haben also einen Weg -, Alle bewegen sich in dieselbe Richtung, dem Lichtschein am oberen Ende der Treppenanlage entgegen. Zwei Menschen ragen aus der in gedeckten Farben gekleideten Menge heraus, sie tragen rot. Wenn man nun den Blick auf diese Menge richtet und den eigenen Großstadt-Wahrnehmungs-Modus überlistet, ja, ist es dann nicht so, dass jeder Mensch aus dieser Menge mit seinem individuellen Leben das eigene in Zweifel setzt? Oder zumindest die Einzigartigkeit eines jeden Lebens betont? Und damit darauf hinweist, dass dein Leben, wie du es gerade lebst, eben auch ganz anders hätte verlaufen können? Weiterlesen

Buchempfehlung: Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“

„Dies ist ein Buch, dem jeder sich selbst hinzufügt“

von Felix Palent

Leuchtende Worte – Kaskaden des Glanzes. Dieses Buch ist wie die Sommersonne am wolkenlosen Himmel. Blendend, eine Behauptung, gleichermaßen beeindruckend in seiner Kraft und seiner Gleichförmigkeit.

Im neuen Roman von Zsuzsa Bánk geschieht so wenig, was das Wort Handlung rechtfertigen würde. Er ist zu Beginn genauso wie in der Mitte und am Ende. Gewissermaßen liegt das bereits in der Struktur des Buches begründet: Hier schreiben sich zwei sehr gute Freundinnen E-Mails, nicht nur sporadisch zum Informationsaustausch, sondern alle paar Tage. Sie halten nicht nur Kontakt, sondern diese beiden pflegen eine Freundschaft. Die Schriftstellerin Márta lebt in Frankfurt am Main mit drei Kindern und einem abwesenden Chaosmann, sie versucht beständig ihr „Lebensachteck aus Supermarkt, Fußballplatz, Kinderarzt, Schülerladen, Kita, Schule, Gemüsehändler und einer Nische Schreibtisch“ auszutarieren. Johanna hingegen hat sich vom Lebenstumult in den Schwarzwald zurückgezogen. Sie lebt allein – oder, um es mit Zsuzsa Bánk zu sagen: „Sie besetzt ihr Leben immer nur mit sich“. Neben ihrem Lehreralltag schwimmt sie im „Drostewortmeer“, schreibt eine Dissertation über Annette von Droste-Hülshoff, hilft im „Geheimen Garten“, dem Blumenladen ihrer Freundin Kathrin. Weiterlesen

Erzähl, Dramatiker! – Teil 3: Nis-Momme Stockmann

Teil 3: Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“
Die unendlich unwahrscheinliche Geschichte vom Fuchs, der sich verlaufen hat

von Felix Palent

Stockmann hat Mut. Hier tritt ein Autor mit geballter Faust und lauter Stimme auf, ein selbstbewusster Mann, der sich alles zutraut. Schon der Prolog hebt mit großer Geste und viel Eigensinn an. Im nordfriesischen Dorf Thule ist eine Sturmflut ausgebrochen, die Bewohner sitzen auf den Dächern und hoffen auf Rettung aus dem unendlich angewachsenen Meer. So auch Finn Schliemann mit ein paar Freunden. Und weil es so langweilig ist auf etwas so unwahrscheinliches wie Hilfe zu warten, erinnert sich Finn müde wegdämmernd an seine Jugendzeit. Besonders an die im Dorf gefürchteten halbstarken „Baschis“, mit denen es immer wieder handfeste Probleme gibt, und an das mysteriöse Mädchen Katja.

Sowohl Stockmann wie auch dieses Mädchen Stockmann, Fuchs Coversind jugendlich verspielt und von Ideen berauscht. Katja fixiert sich auf ein immer wieder auftauchendes Symbol – zwei konzentrische Kreise mit einem senkrechten Strich durch die untere Hälfte -, und dessen mögliche Verbindung mit zahlreichen nie gefundenen Leichenteilen von Toten des Dorfes. Irgendwann finden Finn und seine Gang einen alten Arm und schon beginnt die verzehrende innere Mechanik von Verschwörungstheorien die Oberhand zu gewinnen. Warum liegt ein abgetrennter Arm einfach so am Dorfteich? Was vorher noch als harmlose Jugendgeschichte erzählt wurde, wird plötzlich sehr mysteriös. Nicht nur die Handlung beginnt sich vielsagend aufzufächern, auch der Roman wird mit Schreibweisen und Formspielen bis zum Bersten aufgeladen. Schließlich verliert sich nicht nur Katja im Gewusel der Zeichen und bedeutungsschwangeren Symbole, sondern leider auch der Text. Stockmann vermischt Pop mit Agentenkrimi, Coming-of-age mit Science-Fiction, eine traumartige Verwunschenheit mit philosophischen Reflektionen. Je intensiver diese verschiedenen Arten des Schreibens ausgestellt werden, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass sich hier ein Autor am eigenen Talent ergötzt. Weiterlesen

Erzähl, Dramatiker! – Teil 2: Lot Vekemans

Teil 2: Lot Vekemans „Ein Brautkleid aus Warschau“

von Felix Palent

Die Niederländerin Lot Vekemans ist derzeit eine gefragte Frau wenn es um Bühnenstücke in Europa geht. „Gift“, „Judas“ und „Schwester von“ (allesamt am Deutschen Theater Berlin zu sehen), sind gewaltige Stücke, in denen die Autorin prägnant Situationen entwickelt, um darauf deren Abgrund, Illusion und Schmerz behutsam freizulegen.
In ihrem Debütroman, der im Original bereits 2012 erschienen ist, ist ihr jegliche tiefe Eleganz verloren gegangen. Mitunter blitzt ihr Können durch, wenn etwa ein erhabenes szenisches Bild oder eine sprechende Szene entsteht. Doch meist ist der Text bemüht und die Beschreibungen schematisch. Die durchaus guten Einfälle werden von Vekemans nicht konsequent komponiert und verenden kraftlos. Ja, man könnte den Roman als Rohstoff bezeichnen, dessen Effekte erst inszeniert werden wollen. Perfektes Material für die Bühne. Aber ein Roman?

Die Handlung des Buches ist so schlicht wie unaufregend. Das erzkatholische polnische Mädchen Marlena verliebt sich in einen Amerikaner und wird schwanger, doch dieser verlässt sie stehenden Fußes. Um nicht aus katholisch-konventioneller Verlegenheit den Erstdummen nehmen zu müssen, verlässt Marlena das Land und findet in den Niederlanden mit Andries einen Mann, der das Kind als das Seine annimmt.
Dramatisches Potential hat diese Geschichte, die noch weitere schicksalhafte Kapriolen schlägt, also. Eigentlich. Denn Lot Vekemans schenkt ihrer Geschichte und dem Leser kein Vertrauen. Sie lässt die Ereignisse nicht los, lässt sie keinen individuellen Charakter gewinnen. So entsteht hier kein emotionaler Hallraum, der dem Leser das Buch ans Herz legt.
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Erzähl, Dramatiker! – Teil 1: Roland Schimmelpfennig

Hans Magnus Enzensberger schrieb kürzlich in einem Nachruf auf den Dramatiker Gaston Salvatore, dass einen Roman jeder schreiben könne, der fleißig genug sei. Eine seltene Gabe hingegen besäßen nur die echten Dramatiker. Was geschieht demnach nun, wenn Dramatiker das Fach wechseln und Romane schreiben? Ist das eine Qualitätsgarantie oder ein Wagnis?

In diesem Bücher-Frühjahr wird der Wahn der Stadttheater nach dramatisierten Romanen absurderweise dadurch zugespitzt, dass gleich drei Dramatiker ihren ersten Roman veröffentlichen. Deutschlands meistgespielter Autor Roland Schimmelpfennig, die Niederländerin Lot Vekemans und der deutsche Newcomerdramatiker Nis-Momme Stockmann. Grund genug für eine Beobachtungsreihe, die Enzensbergers Diktum auf die Probe sellt. Also fragen wir die Bücher von Schimmelpfennig, Vekemans und Stockmann: Fleiß oder Gabe?

Teil 1:
Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

von Felix Palent

Roland Schimmelpfennig Foto: Heike Steinweg

Dieser Roman ist ein Blick. Ein Blick aus übergeordneter Perspektive auf die Stadt Berlin. Ein Blick auf ihre Bewohner. Ein Blick in die Zeit. Der Leser steht auf einem Podest und sieht. Aus dieser Perspektive erzählt Roland Schimmelpfennig episodische Geschichten die sich überschneiden und aufeinander beziehen. Er erzählt urbane Parallelgeschichten von durchschnittlichen Großstadtmenschen an alltäglichen Orten: Späti, Bushaltestelle, Abbruchhaus, Rangierbahnhof, Kneipe. Charaktere und Typen gibt es in diesem Buch unzählige lieb zu gewinnen. Sie wachsen einem ans Herz in ihrer Bemühtheit um ein Leben. Aufgrund seines wohlwollenden und nichtwertenden Blicks auf die Träume, Nöte und Süchte der Menschen, könnte man Schimmelpfennig als Hans Fallada des beginnenden 21. Jahrhunderts bezeichnen. Wortkarg und treffend entwirft er Bilder und Szenen, in denen die Geheimnisse nicht leichtfertig ausgeplaudert werden, vielleicht weil er sie ja selbst nicht kennt. Und natürlich zeigt der Dramatiker die hohe Kunst der Dialoge: Weiterlesen

Buchempfehlung: David Foenkinos „Charlotte“

Gegen Vergessen und Verstehen – Eine Erinnerung an die Malerin Charlotte Salomon

von Felix Palent

„Manche Leute ähneln Fragen, auf die es keine Antwort gibt.“

Der Bürgersteig vor dem Haus Wielandstraße Nr. 15 in Berlin ist gepflastert mit drei Stolpersteinen. Darauf die Namen: Paula, Albert und Charlotte Salomon. Datei:Stolperstein Wielandstr 15 (Charl) Charlotte Salomon.jpgDer französische Schriftsteller David Foenkinos hat diese glänzenden Weg- und Erinnerungsmarken nicht achtlos passiert, sondern ist stehen geblieben, ist über das Leben und die Bilder von Charlotte Salomon gestolpert und seitdem verfolgt von diesem Thema: Charlotte Salomon. 1917 in Berlin geboren, noch 1935 als Jüdin an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst aufgenommen, 1939 schließlich nach Frankreich emigriert und doch 1943 in Auschwitz-Birkenau getötet.

Foenkinos Interesse wurde durch die Zeichnungen zum Buch Leben? Oder Theater? geweckt. Zwischen 1940 und 1942 malt Charlotte Salomon 1325 expressionistische Gouachen, von denen sie etwa 800 auswählt und mit zahlreichen Texten zu dem Band Leben? Oder Theater? zusammenfasst. Diese Zeit der künstlerischen Inspiration ist das Zentrum des Buches, auf diesen Moment läuft alles hinaus, auch weil es der wertvollste im Leben von Charlotte Salomon ist, ihr Vermächtnis, ihre Spur in der Erinnerung: Weiterlesen

25 Jahre Literaturladen – 1992 Das Jahr der Amerikaner

In der Retrospektive ist das annus mirabilis 1992 der amerikanischen Literatur gewidmet. Carten Wist erzählt, wie er den amerikanischen literarischen Kontinent entdeckt hat. Für ihn liegen die Amerikaner im literarischen Nation Cup weit vorne. Im Literaturladen waren u.a. zu Gast Toni Morrison (noch vor dem Nobelpreis), Paul Auster, Siri Hustvedt, Robert Olmstead.

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