„Ikarus“ – Eine Erzählung von Ferenc Liebig

IKARUS

Eine Erzählung von Ferenc Liebig

Nachdem die Kreatur abgestürzt war, auf dem staubigen Boden lag, mit seinen gewaltigen Flügeln, rannte der Junge aufgeregt nach Hause, riss die Wohnwagentür auf und erzählte seinem Vater, wie dieser Vogelmensch nach unten trudelte, einem verhedderten Fallschirmspringer gleich, doch der Vater sagte nur, schau nicht so viel fern und verschwand kopfschüttelnd in der Badnische. Der Junge holte die Schubkarre aus dem Verschlag, sprintete zurück zum Feld und drehte die Kreatur auf den Rücken. Es handelte sich um eine junge Frau, die zu seiner Überraschung keine äußerlichen Verletzungen davon getragen hatte. Schüchtern berührte er ihre Haut, legte sie so, dass er die Flügel genauer untersuchen konnte. Weiß waren sie, samtig, die Federn dicht aneinandergereiht und wie er sie inspizierte, kam ihm die Idee, von der er selbst nicht recht wusste, ob sie funktionieren würde. Mit aller Kraft hievte er die Kreatur in die Schubkarre und mühte sich über den sandigen Weg. Ein Engel, dachte er, stellte die Schubkarre ins Dickicht und schlich in die Küche. Mit Schere und Paketklebeband ging er wieder nach draußen.

 

aus: Ferenc Liebig „Die Guten werden gehen“, 148 Seiten, epubli Verlag, 9,99€