Hommage an Fritz J.

Wist – Der Literaturladen hat Fritz J. Raddatz, den „elegantesten Bonvivant des Literaturlebens der vergangenen 60 Jahren“ in seine Hall of Fame aufgenommen. Champagner war dabei obligatorisch und ein Vergnügen.

Udo Stähler blickt auf den Abend zurück:

„Diesen Montag haben Sie Fritz J. Raddatz in Ihre Hall of Fame aufgenommen. Ein gelungener Festakt. Wenn Sie in der Ankündigung schreiben, „ den elegantesten Bonvivant des Literaturlebens der vergangenen 60 Jahre in unsere Hall of Fame auf(zunehmen)“ , grinsen bereits die doppelzüngigen Dandyjäger; doch rechtzeitig die Kurve gekriegt: „stets bereicherte er wortgewandt wie intellektuell den Diskurs.“ Sein Mantra war Authentizität; dazu gehörte Stil, Unerbittlichkeit und Übertreibung. Von der Gästebewirtung „Champagner im Wohnzimmer, dann das Abendessen im Esszimmer, dann Käse und Rotwein wieder im Wintergarten“(Alexander Fest) über gnadenlose Brandmarkung vermeintlich bigotter Scheinheiligkeiten in seiner Kritik an „Das Boot“ bis zur Eiweißvergiftung in Cölln’s Austernkeller beim Einstellungsgespräch mit Theo Sommer. Das hat keiner ausgehalten. Und die so Leidenden haben es ihm wegen des läppischen „Goethe ohne Bahnhof“ heimgezahlt: durch Schweigen oder brüllende Häme.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, mir vorzustellen, wie dieser Festakt in sein „Nachtbuch“ gekommen worden wäre. Es hätte ihn vermutlich gerührt, dass alles ehrlich war und das Getränkeangebot auf seine Vorlieben Rücksicht nahm; auch wenn Sie Ihren Lesern keinen Kaviar angeboten haben ;-). Veröffentlicht hätte er es nicht: Die Anerkennung als Schriftsteller durch Wist – Der Literaturladen hätte niemanden aufgeregt.“

Nacht- und Taggedanken von Fritz J. finden Sie in unserer Kategorie „Der tägliche Fritz“.

Die Lesungen im Herbst 2015

Wir setzen unsere Retrospektive zum 25. Jubiläum fort, haben mit Marie NDiaye eine weitere Prix-Goncourt-Preisträgerin zu Gast, empfangen Jenny Erpenbeck mit ihrem neuen Buch „Gehen, ging, gegangen“ und feiern ein großes Fest!

Der Literaturladen im 25. Jahr
Ein Großes Fest!

4. September, ab 18 Uhr | Reithalle (Schiffbauergasse),

mit Lesungen, Musik und Tanz

Gäste: Terézia Mora, Hartmut Lange und

K. Dieter Klebsch

 

14. September / 19 Uhr
Ein Abend für
Judith Hermann

21. September / 19 Uhr
Ein Abend für Christoph Ransmayr

28. September / 19 Uhr
Ein Abend für Andrzej Stasiuk

5. Oktober / 19 Uhr
Deutsche Ladies und der Kleine Hei
:
Ein Abend für Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Terézia Mora, Julia Schoch…

8. Oktober / 19 Uhr / Stadt- und Landesbibliothek
Jenny Erpenbeck liest „Gehen, ging, gegangen“

12. Oktober / 19 Uhr
Unsere Franzosen: Ein Abend für Jérôme Ferrari, Pierre Michon, Patrick Modiano, Yannick Haenel, Yasmina Reza, Jonathan Littell…

19. Oktober / 19 Uhr
Prix Goncourt-Preisträgerin
Marie NDiaye liest aus „Ladivine“

26. Oktober / 19 Uhr
Ein Abend für
Fritz J. Raddatz

2. November / 19 Uhr
Ein Abend für Peter Handke (Zu Gast: Bernd Geiling)

4. November / 19 Uhr
Lotto-Literaturpreis-Lesung 2015
Julia Wolf „Alles ist jetzt“

9. November / 19 Uhr
Unsere Ungarn: Ein Abend für
Imre Kertész, Péter Nádas, László Földényi, Szilárd Borbély, László Krasznahorkai…

16. November / 19 Uhr
Ein Abend für
Botho Strauß (Zu Gast: Mathias Iven und René Schwittay)

23. November / 19 Uhr
Ein Abend für Uwe Tellkamp

30. November / 19 Uhr
Ein Abend für
Lutz Seiler 

4. Dezember / 19 Uhr
Der Kleine Hei 2015
Lesung und Preisverleihung
Katerina Poladjan „Vielleicht Marseille“

9. Dezember / 19 Uhr
Dorota Maslowska „Liebling, ich habe die Katzen getötet“

Der tägliche Fritz (47)

Raddatz-Banner„Nun ist (11. Dezember – wohl schon am 9. Dezember) Schoenberner gestorben. (…) Meine Seele ist verhornt. Ich bin traurig, gewiß, aber mehr im Sinne von ’schade‘, nicht im tiefsten, existentiellen Sinn erschüttert wie noch bei Wunderlichs Tod.
So bin ich eigentlich kein Mensch mehr, sondern ein Menschen-Darsteller. Ich müßte über mich empört sein – bin jedoch nicht mal das.Stattdessen lese ich, mir selber applaudierend, fast behaglich-genüßlich Massen alter Publikationen von mir (für den Rowohlt-Essayband), finde das meiste ‚gut‘. (…)
Die Welt schweigt.
Oder stirbt.

Finis Tagebuch“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

Der tägliche Fritz (46)

Raddatz-BannerGran Hotel, Bahia del Duque Resort, Teneriffa, den 30. Novemver 2012
„Seit eh+je finde ich, daß dieser Rainald Goetz gar kein Schriftsteller ist. Er ist ein Digital-Konditor, der aus den unsichtbaren Fäden der sogen. ’sozialen Netzwerke‘ rosa Marzipan-Schwein’chen zusammenklebt. Der von Klischees strotzende Roman ‚Johan Holtrop‘ – ist bestes Beispiel für sein zusammengeharktes Leckermaul-Material; so erfährt man, daß Manager große Autos fahren und nicht ’nett‘ sind. (…)
Diese Tagebucheintragung zeigt aber nur eines: Das Tagebuch ist überflüssig geworden. Ich kommentiere Zeitungskram: lächerlich.
Das ist ein Nörgelbuch geworden. Also muß es enden.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (45)

Raddatz-BannerKampen, Sylt, den 10. Juni 2012
„Aus dem Gebälk der Welt gefallen. Ich kann die Textur dieser Zeit, dieser Gesellschaft nicht mehr lesen, nicht politisch, nicht ästhetisch, nicht mal grammatikalisch. (…)
Weniger & weniger verstehe ich die Lobpreisungen meiner Kritikerkollegen, fast alle Bücher, die ich nach deren Empfehlung (…) las, haben mich enttäuscht, sind manchmal mehr, meist weniger ‚ordentlich‘ geschrieben, but nothing to write home about. (…) Eine Freundin schreibt, ‚wir‘ (WIR!) hatten doch das Glück, unseren (UNSEREN!) Beruf als ‚Hobby‘ zu haben: von Michelangelo über Thomas Mann bis, ja, bis hinunter zu mir: Beruf, Kunst, Literatur = Hobby! Es verschlägt einem die Sprache.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (44)

Raddatz-BannerPfingsmontag 2012
„Ich darf mir nach einem Leben voll Arbeit, ja, auch Ehrgeiz (wie kommt eigentlich der Geiz in die Ehre?) und Eitelkeit nicht vormachen, als ‚bliebe‘ da etwas. Ich war / bin ein sogen. ‚bunter Hund‘ (…), ein zwar nicht berühmter, aber doch bekannter Mann / Autor / Kritiker, un homme connu, wie man so sagt: mehr aber nicht. Und das vergeht wie der Rauch. Geblieben ist – manchmal – ein WERK, Michelangelo, Thomas Mann, Mozart usw., auch ein Werk-Gerücht – Proust, Joyce, ungelesen, aber zum obligaten Kanon zählend. Schon bei den Zeitgenossen (denen ich viel zu viel meines Lebens gewidmet habe) Grass, Walser, Christa Wolf, Uwe Johnson et tutti quanti ist es fraglich, bei Kollegen wie Joachim Kaiser oder Ranicki ganz klar – oft sind sie schon zu Lebzeiten nur mehr Gerücht, Legende.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (43)

Raddatz-BannerGründonnerstag 2012
„‚Warum machen Sie nicht, was alle machen?‘ – nämlich in einer vorgegebenen Bahn schwimmen; so eine aggressive junge Schwimmerin bei meinem morning swim: Schönes Motto über meinem Leben.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (42)

Raddatz-Banner2. März 2011
„Das sind die täglichen Vergiftungen, man müßte 1x im Monat in eine REHA-Gehirn-Reinigungs-Anstalt: Der bestenfalls kesse kleine Maxim Biller wird allen Ernstes zum ‚Surrealisten‘ erhoben, während man dem Ballett-Neumeier zu seiner Choreographie von SARTRES (!!!) ‚Die Stühle‘ in der WELT gratuliert – ICH dachte immer, das Stück sein von Ionesco (aber nie eine Berichtigung).“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€

 

Der tägliche Fritz (40)

Raddatz-Banner27. Juli 2011

Ich bin sehr alt, und mit mir zusammen werden die nie ausgesprochenen Worte verschwinden
In denen längst verstorbene Menschen ein Zuhause hätten finden können.

Selbst die Verzagtheit läßt einen Literaten noch zitieren: Dies Gedicht ‚Personen‘ von Czeslaw Milosz definiert ziemlich genau meinen Geistes-, also auch Seelenzustand. Ich bin aus der Welt gefallen. Ganze, offenbar WESENTLICHE und den heutigen Alltag prägende Worte, Begriffe, Satzteile kann ich nicht mehr verstehen, es gibt lange Passagen in Zeitungen, auch in Werbeplakaten (an Litfaßsäulen z.B.), die mir absolut nichts sagen.“

Fritz J. Raddatz: Tagebücher. Jahre 2002 – 2012, Rowohlt Verlag, 24,95€