Buchempfehlung: Adolf Muschg „Der weisse Freitag“

Anlässlich von Goethes 268. Geburtstag am 28. August 2017

eine Rezension von Mathias Iven

Auf der Suche nach einem gelingenden Leben

Drei Mal reiste Goethe in die Schweiz. Im Sommer 1775 wollte er nicht nur den gesellschaftlichen Zwängen seines bisherigen Lebens in Frankfurt entfliehen, er war vor allem auf der »Suche nach einem Land, wo zwangloser zu leben war und der Adel der Seele mehr galt als derjenige der Geburt«. Zugleich stellte er sich aber auch die Frage »Wer bin ich?«. Die zweite Reise, vier Jahre darauf, war gleichfalls eine von Zweifeln überschattete Flucht: »Was soll ich in Weimar, was habe ich in der Welt verloren?« Goethes Weg zu einem selbstbestimmten Leben, zu einer tragfähigen Identität schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Ganz anders 1797. Der fast Fünfzigjährige reiste jetzt als Staatsmann und arrivierter Künstler. Geleitet wurde er ausschließlich von dem »Bedürfnis nach Vergewisserung seiner selbst«.

Adolf Muschg, ausgewiesener Kenner von Goethes Werk, hat sich bereits vor über einem Jahrzehnt mit dessen Schweizer Reisen beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch »Der weiße Freitag« ist er noch einmal darauf zurückgekommen. Doch dieses Mal geht es nicht mehr allein um Goethe, sondern vor allem um Muschg selbst. Eine neuerliche Krebs-Diagnose, ein Treppensturz, ein Krankenhausaufenthalt – all dies war innerhalb weniger Monate zusammengekommen. Im Spital gibt ihm der elfte Band der 1808 bei Cotta erschienenen Goethe-Ausgabe, enthaltend die »Briefe aus der Schweiz«, das Gefühl, »in einer klinischen Umgebung auf vertrautem Boden zu stehen«. Weiterlesen

Buchempfehlung: Sigrid Damm „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“

Weimar oder Gotha?

von Mathias Iven

1781 – Gerade einmal sechs Jahre ist Goethe in Weimar, da schreibt er: „Die Gunst die man mir in Gotha gönnt macht viel Aufsehn […]“. Woher rührt diese Bemerkung? Die Ausgangslage ist schnell skizziert. Auf der einen Seite haben wir Ernst II., der Gotha – damals die zweitgrößte und von manchen Zeitgenossen als die schönste Stadt Thüringens bezeichnet – als aufklärerischer Fürst regiert, auf der anderen Seite sehen wir Herzog Carl August, den jugendlichen Herrscher, der Goethe in Weimar ein Leben als „Künstler und Gast“ ermöglichen wird. Wollte Goethe, der in Weimars Nachbarstadt gern gesehene und umworbene Gast, insgeheim die beiden Fürstenhöfe gegeneinander ausspielen?

Wer, wenn nicht Sigrid Damm, könnte diese Frage besser beantworten? „Goethe“, so Damm, „ist ein Taktiker“. Für sie, die in Gotha Geborene und mit des Geheimrats Leben so wohl Vertraute, ist das Thema Goethe noch lange nicht abgeschlossen. Mit ihrem neuen Buch widmet sie sich einem äußerst interessanten, von der Forschung bis dato allerdings nur am Rande behandelten Thema (man schaue sich beispielsweise den entsprechenden Eintrag im Goethe-Handbuch an). Weiterlesen