Buchempfehlung: Die Andere Bibliothek präsentiert Marcel Proust und Ricarda Huch


Zurück zu den Quellen!

von Mathias Iven

Als am 14. November 1913 „Du côté de chez Swann“, der erste Band von Prousts Jahrhundertwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in die Buchhandlungen kam, ahnte niemand etwas von der Vorgeschichte dieses Romans. Zwar konnte man in späteren Jahren die zeitlichen Abläufe der Drucklegung anhand von Prousts Korrespondenz rekonstruieren, doch welche inhaltlich-stilistischen Änderungen es auf dem Weg vom Manuskript bis hin zum Buch gab, ließ sich nur vermuten. Einzig die von Proust bearbeiteten Druckfahnen hätten darüber Auskunft geben können, doch diese schienen auf ewig verloren. Und so glich es einem Wunder, als sie im Juli 2000 bei einer Versteigerung in London der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Fast sieben Jahrzehnte waren sie im Besitz eines Sammlers, der sie von Marthe Dubois-Amiot, der Frau von Prousts 1935 verstorbenem Bruder Robert, erworben hatte.

Eine Buchausgabe ließ nicht lange auf sich warten. In einer luxuriösen Faksimile-Edition veröffentlichte der Verlag Gallimard 2013 zunächst die Urfassung von „Combray“, dem ersten Teil von „Du côté de chez Swann“. Dass dieser Text, der 29 von insgesamt 51 überlieferten Druckfahnen umfasst, jetzt auch auf Deutsch vorliegt, ist nicht nur dem Mut des Verlegers zu danken, sondern vor allem der Leistung des in Zürich lebenden Übersetzers Stefan Zweifel. Weiterlesen

Buchempfehlung: Rückblick auf das Jahr 1517

Luther, die Reformation und was sonst noch geschah …

von Mathias Iven

Wenn wir auf das Jahr 2017 zurückblicken, so wird es vielen als das Jahr Martin Luthers in Erinnerung bleiben. Bücher, Artikel, Fernsehsendungen, Ausstellungen – der Wittenberger Reformator war präsent wie nie zuvor. Zu Recht! Als Luther am 31. Oktober 1517 dem Erzbischof von Mainz seine lediglich als Diskussionsgrundlage gedachten 95 Thesen »zur Klärung der Kraft der Ablässe« übersandte konnte er nicht ahnen, dass das für die Kirche der Beginn einer neuen Zeitrechnung werden würde – doch so geschah es. Als »annus mirabilis«, als Wunderjahr ging das Jahr 1517 in die protestantische Geschichtsdeutung ein.

Doch was ereignete sich damals sonst noch? Wie sah die Welt vor 500 Jahren außerhalb Wittenbergs, außerhalb Europas aus? Heinz Schilling, dessen Biographie »Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs« mittlerweile zum Standardwerk geworden ist, schreibt in der Einleitung zu seinem schlicht »1517« betitelten Buch: „Die Grundlagen unseres Geschichtsbildes haben sich radikal verändert […] An die Stelle des europäischen Neuzeit-Monopols tritt zunehmend die Erkenntnis, dass auch in anderen Teilen der Welt Impulse zum Aufstieg neuer, neuzeitlicher Lebensbedingungen gesetzt wurden.“ Weiterlesen

Buchempfehlung: Unterwegs auf den Spuren von Dichtern und Schriftstellern in Brandenburg und Berlin

»Die märkische Erde nahm uns an …«

von Mathias Iven

und so erging es nicht nur Gerhart Hauptmann. Immer wieder zog und zieht es Schriftsteller in die Mark. Mittlerweile gibt es eine stattliche Anzahl von Veröffentlichungen zu dieser Thematik. Hervorzuheben sind hier besonders die beiden Bücher »Dichterland Brandenburg. Literarische Streifzüge zwischen Havel und Oder« von Werner Liersch sowie der von Peter Walther herausgegebene Band »Märkische Dichterlandschaft. Ein illustrierter Literaturführer durch die Mark Brandenburg«.

Auch der in Schöneiche bei Berlin lebende Rolf Schneider verfolgt seit Jahren die Spuren, die seine Berufskollegen in der Mark hinterlassen haben. Einiges dazu fand sich bereits 2010 in der Begleitpublikation zur gleichnamigen Reihe des rbb »20x Brandenburg Menschen, Orte, Geschichten«. Weit umfassender widmet er sich diesem interessanten Thema in seinem neuen, unlängst im be.bra verlag erschienenen Buch »Literatouren durch Brandenburg«.

Gemeinsam mit seiner Tochter, die die Photographien für den Band beigesteuert hat, ist Schneider kreuz und quer durch Brandenburg gereist. Insgesamt 17 Touren führen den Leser vom Norden, wo man das Tucholsky-Literaturmuseum im Rheinsberger Schloss oder Fontanes Geburtsstadt Neuruppin besuchen sollte, in den Süden, so nach Schloss Wiepersdorf zu den Arnims oder nach Bohsdorf, dem Handlungsort von Strittmatters Romantrilogie »Der Laden«. Es geht in den Osten nach Frankfurt/Oder, Bad Freienwalde oder Buckow zu Heinrich von Kleist, Walther Rathenau oder Bertolt Brecht. Und schließlich kann man sich im Westen in Loriots Heimatstadt Brandenburg umschauen oder die dem Malerpoeten Roger Loewig gewidmete Gedenkstätte in Bad Belzig aufsuchen. Doch das ist längst nicht alles … Weiterlesen

Der Blaue Salon am Montag: 100 Jahre Oktoberrevolution

DER BLAUE SALON
Vom Traum zum Terror – 100 Jahre Oktoberrevolution
Ein Abend mit Mathias Iven

Montag, 06. November, 19 Uhr
Ort: Wist – Der Literaturladen

Ein Schuss aus der Bugkanone des Militärkreuzers Aurora gab das Signal für den Sturm auf das Winterpalais. Es war eine Platzpatrone. Dieser Schuss war Schrecken erregend.
Aus Anlass des einhundertsten Jahrestages der Russischen Oktoberrevolution erkunden wir den Hallraum in der Literatur, der von dieser Revolution ausgeht. Solschenizyn, Trotzki, Hippius, Roth, Zweig, Merridale, Sebestyen, Bunin, Sawinkow u.a.

 

Der literarische Leseherbst 2017

Die Lesungen im Herbst 2017

Montag, 11.September | 19 Uhr
Lesung eXtra
Michael Schindhelm „Letzter Vorhang“

Donnerstag, 21.September | 19 Uhr
Lesung eXtra
Roland Schimmelpfennig „Die Sprache des Regens“

Montag, 9.Oktober | 19 Uhr
Blauer Salon | SCHWERGEWICHTE
Ein Abend zu Richard Fords  „Bascombe“ -Trilogie

Montag 16.Oktober | 19 Uhr | Stadt- und Landesbibliothek
Literaturladen on Tour
Ingo Schulze „Peter Holtz“

Montag, 23.Oktober | 19 Uhr 
Blauer Salon | PAPIERFRIEDHOF
Ein Abend zur Frankfurter Buchmesse

Mittwoch, 1.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Tour de France littéraire – Ein Abend zur Französischen Literatur
mit den Übersetzern Hinrich Schmidt-Henkel und Frank Heibert

Montag, 6.November | 19 Uhr
Blauer Salon 
Vom Traum zum Terror – 100 Jahre Oktoberrevolution
Ein Abend mit Mathias Iven

Freitag, 10.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Zum Erscheinen des neuen Romans von Peter Handke
Schauspieler, Autoren, Verleger, Leser und Fans lesen „Die Obstdiebin – oder – Einfache Fahrt ins Landesinnere“

Montag, 13.November | 19 Uhr
Blauer Salon
Buchsaiten – Der Sound von Virginie Despentes‘ „Vernon Subutex“
Ein Abend mit Freddie Dreamer

Montag, 20.November | 19 Uhr
Blauer Salon 
„Guten Morgen, du Schöne“ –
Ein Abend für Maxie Wander mit Jutta Wachowiak

Mittwoch, 22.November | 19 Uhr | Waschhaus Potsdam
Literaturladen on Tour
Jana Hensel „Keinland“

Mittwoch, 29.November | 19 Uhr
Lesung und Preisverleihung Der Kleine Hei 2017
Simon Strauss „Sieben Nächte“

              Die Lesungen beginnen um 19 Uhr.
     Wist  –  Der  Literaturladen  |  Dortustr.  17  |  Tel.
     2800452  |  www. / info@wist-derliteraturladen.de

Buchempfehlung: Adolf Muschg „Der weisse Freitag“

Anlässlich von Goethes 268. Geburtstag am 28. August 2017

eine Rezension von Mathias Iven

Auf der Suche nach einem gelingenden Leben

Drei Mal reiste Goethe in die Schweiz. Im Sommer 1775 wollte er nicht nur den gesellschaftlichen Zwängen seines bisherigen Lebens in Frankfurt entfliehen, er war vor allem auf der »Suche nach einem Land, wo zwangloser zu leben war und der Adel der Seele mehr galt als derjenige der Geburt«. Zugleich stellte er sich aber auch die Frage »Wer bin ich?«. Die zweite Reise, vier Jahre darauf, war gleichfalls eine von Zweifeln überschattete Flucht: »Was soll ich in Weimar, was habe ich in der Welt verloren?« Goethes Weg zu einem selbstbestimmten Leben, zu einer tragfähigen Identität schien in eine Sackgasse geraten zu sein. Ganz anders 1797. Der fast Fünfzigjährige reiste jetzt als Staatsmann und arrivierter Künstler. Geleitet wurde er ausschließlich von dem »Bedürfnis nach Vergewisserung seiner selbst«.

Adolf Muschg, ausgewiesener Kenner von Goethes Werk, hat sich bereits vor über einem Jahrzehnt mit dessen Schweizer Reisen beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch »Der weiße Freitag« ist er noch einmal darauf zurückgekommen. Doch dieses Mal geht es nicht mehr allein um Goethe, sondern vor allem um Muschg selbst. Eine neuerliche Krebs-Diagnose, ein Treppensturz, ein Krankenhausaufenthalt – all dies war innerhalb weniger Monate zusammengekommen. Im Spital gibt ihm der elfte Band der 1808 bei Cotta erschienenen Goethe-Ausgabe, enthaltend die »Briefe aus der Schweiz«, das Gefühl, »in einer klinischen Umgebung auf vertrautem Boden zu stehen«. Weiterlesen

Buchempfehlung: Lorenz Jägers Benjamin-Biographie

»Der Sommer rückte mich an die Hohenzollern heran.«

von Mathias Iven

Es gibt – wie sollte es bei so einem wichtigen Denker anders sein – schon einige, dem Leben von Walter Benjamin gewidmete Biographien. Die jüngste, sehr lesenswerte Arbeit stammt von Lorenz Jäger, ehemals Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seiner Darstellung erhebt Jäger den Anspruch, »Benjamins Entscheidungen in jeder Lebensepoche nachzuzeichnen – die religiösen, die philosophischen, die ästhetischen und die politischen«. Ausgangspunkt ist ihm dabei das familiäre Umfeld.

Durch die Anstellung des Vaters im Berliner Kunstauktionshaus Lepke kam Walter Benjamin schon früh mit den Fragen nach Original, Kopie, Fälschung oder Reproduktion in Berührung. Jäger sieht hier den entscheidenden Ansatz für Benjamins Überlegungen zum Begriff der »Aura«, der erstmals im Dezember 1927 in den zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten »Protokollen zu Drogenversuchen« auftauchte und bis heute – zumal durch die Verwendung in unterschiedlichen Kontexten – zu den am meisten diskutierten, wenn auch nicht von ihm, sondern aus der mystischen Tradition stammenden Begrifflichkeiten in Benjamins Werk gehört. – So charakterisierte er in dem 1931 publizierten Artikel »Kleine Geschichte der Photographie« und in seinem großen, 1936 in der »Zeitschrift für Sozialforschung« erschienenen Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Aura als ein »sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«. Und in seiner Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« ergänzte er 1939: »Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.« Oder anders ausgedrückt: es geht um die Echtheit, Einmaligkeit und zugleich Unnahbarkeit von Objekten und ihrer Wahrnehmung.
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Buchempfehlung: Einblicke in das Leben Constantin Brunners

Denken mit dem Blick auf die Havel

von Mathias Iven

In einem der jüngsten Bände der von Hermann Simon im Verlag Hentrich & Hentrich herausgegebenen Reihe »Jüdische Miniaturen« stellt der Philosoph und Schopenhauer-Biograph Robert Zimmer eine fast schon vergessene, mit Potsdam in Beziehung stehende Geistesgröße vor: Constantin Brunner.

Der 1862 in Altona als Arjeh Yehuda Wertheimer geborene Brunner gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Intellektuellen in Deutschland. Nach einer abgebrochenen Ausbildung am jüdischen Lehrerseminar in Köln studierte er ab 1884 zunächst in Berlin und dann in Freiburg Philosophie und Geschichte. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Wilhelm Dilthey und Paul Deussen sowie Alois Riehl, der ihn maßgeblich prägte. 1890 beendete er seine Studien, ohne einen akademischen Abschluss erlangt zu haben. Brunner kehrte nach Hamburg zurück und eröffnete dort ein »Litterarisches Vermittlungsbüro«, das Schriftstellern bei der Verwertung ihrer Werke helfen sollte. In den kommenden vier Jahren war er zugleich Mitherausgeber einer Zeitschrift. Das in dieser Zeit für seine Artikel von ihm häufig benutzte Pseudonym »Constantin Brunner« sollte er später als bürgerlichen Namen eintragen lassen. Weiterlesen

Buchempfehlung: Prominente in Potsdam

»… daß gantze Eylandt mus ein paradis werden …«

Potsdamer Berühmtheiten im Blick

von Mathias Iven

Vor gut zehn Jahren hat der be.bra verlag die Reihe „Prominente in …“ begonnen. Zunächst beschränkte man sich auf Berlin. Es erschienen Bände zu den Stadtbezirken Dahlem, Lichterfelde, Pankow, Friedenau, Wannsee, Grunewald und Westend. 2015 ging man über die Grenzen der Hauptstadt hinaus und präsentierte Dresdner Prominente. Und nun: Potsdams Berühmtheiten.

Der seit 1995 in Berlin lebende Stuttgarter Gerhard Drexel hat die Landeshauptstadt und ihre Geschichte gründlich studiert. Beginnend in der Bronzezeit führt er seine Leser zunächst durch die Jahrhunderte und zeichnet auf knapp 30 Seiten die wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung bis in die heutige Zeit nach. Dass er der Babelsberger Filmindustrie dabei ein eigenes Kapitel widmet, ist mit Blick auf mehr als 100 Jahre Filmgeschichte nur zu verständlich. Weiterlesen

Buchempfehlung: Die Briefe und Buchbesprechungen von Hermann Hesse

»So freue ich mich auf die Lektüre sehr … «
Hermann Hesse schreibt an und über Hans Fallada

von Mathias Iven

Jüngste Schätzungen besagen, dass Hermann Hesse bis zu 40.000 Briefe in seinem Leben geschrieben haben soll. Einer der besten Kenner dieser Hinterlassenschaft ist Volker Michels. Im Rahmen der von ihm herausgegebenen, auf zehn Bände angelegten Edition der Gesammelten Briefe erschien unlängst der mittlerweile vierte Band, der Schreiben aus den Jahren 1924 bis 1932 versammelt.

Für Hesse, der seit 1919 im Schweizerischen Montagnola lebte, waren es Jahre des »Werdens und der Wandlungen« – vor allem im privaten Bereich. 1923 trennte er sich von seiner Frau Mia, schon im Jahr darauf heiratete er in zweiter Ehe die Sängerin und Malerin Ruth Wenger. Nur drei Jahre sollte diese Verbindung halten. In einem kurz nach Erhalt der Scheidungsklage im März 1927 geschriebenen Brief war zu lesen: „Der Beweis, daß man mit einem Menschen wie mir unmöglich leben könne, und daß ich durch und durch minderwertig und lebensunfähig sei, wurde der Frau [Ruth Wenger] nicht schwer – ihre Klageschrift besteht zum weitaus größten Teil aus Stellen meiner eigenen Schriften, dem Kurgast, der Nürnberger Reise etc.“ – Ein drittes Mal trat Hesse 1931 vor den Traualtar: Ninon Dolbin sollte bis zu Hesses Tod im Jahre 1962 an dessen Seite bleiben. Weiterlesen